Zuerst war sie nur durch eine künstlich erzeugte Unebenheit im Boden gestolpert. Eine gezielte Attacke der Anderen, die vermutlich genau das im Sinn gehabt hatten, als sie ohne Vorwarnung zuschlugen. Aber sie war nicht gefallen, sondern war nach einem kurzen Stolpern erst einmal weitergelaufen. Sie war unendlich wütend, weil sie sich genauso gut den Hals hätte brechen können, aber den Anderen war das offensichtlich egal gewesen.
Die Wut verengte ihr Gesichtsfeld und lenkte ihren Blick auf die Anderen. Dadurch bemerkte sie viel zu spät, dass sie nicht bergauf lief, weil die Wut sie beflügelte, sondern weil sie einen Hügel mit Aushub herauf eilte. Erst, als sie in das riesige Loch dahinter abrutschte, wurde ihr klar, was geschehen war. Dass ein Teil von ihr, der ihr vorausgeeilt war, sich bei der Unebenheit mehr als nur blaue Flecke geholt haben musste, aber deswegen genausowenig stehen geblieben war, wie sie selbst. Er hatte sich weiter geschleppt, einen Spaten genommen, und sich wenig später ein tiefes Loch gegraben, um sich dort zu verstecken und seine Wunden zu lecken.
Sie fiel, und konnte den Sturz nicht bremsen. Der Aufprall war hart, traf den schon verletzten Teil von ihr und gemeinsam brachen sie weiter ein, weil der Untergrund instabil war und nachgab. Die Bestandsaufnahme, als sie am kalten, feuchten Boden zu liegen kamen, war niederschmetternd. Der Rand des Lochs war in weite Ferne gerückt, die Wände waren schroff, sie beide verletzt und durcheinander.
Sie sah oben jemanden stehen, der zu ihnen herunter sah, und rief ihn an, ihr irgendwie zu helfen. Ihr Entsetzen hätte kaum größer sein können, als sie sich selbst dort oben erkannte – nicht mehr als ein Umriss, eine Hülle. Eine Hülle, die ein dickes schwarzes Tuch nahm, um es über dem Loch auszubreiten. Zwar sah sie noch hinaus, aber die Welt dort oben kam nur noch gedämpft bei ihr an. Das Licht, die Stimmen, alles. Und so sehr sie hier unten schrie und um Aufmerksamkeit oder gar Rettung flehte, so wenig drang es durch das schwarze Tuch nach außen. Sie war gefangen und durch sich selbst zu einem Dasein im Dunkel verdammt. Inzwischen war sie heiser, und spürte die Kälte aufsteigen. Ihre Hülle lächelte. Die Anderen waren längst fort.
Kategorie: Kurzgeschichte
51 – Selbst.Bewusstsein.
Ihr Selbstbewusstsein. Ein fragiles Gebilde, eine feine Zeichnung auf noch feinerem Papier. Mühsam dort festgehalten, hatte sie es über die Jahre immer bei sich getragen. Die Zeit und die Beanspruchung waren es, die das Papier hatten durchscheinend und zerknittert werden lassen.
Seit über einem Jahr war sie dabei, es zu glätten und zu konservieren. Sie hatte sogar eine Möglichkeit gefunden, das Papier Stück für Stück zu unterlegen, um es wieder stärker zu machen, und die Zeichnung immer wieder mit Stiften nachgezogen. Es war weder einfach, noch schnell gegangen, aber jetzt merkte sie, wie wichtig all ihr Tun in den vergangenen Monaten gewesen war.
Auch wenn sich zwei der Menschen, von denen sie sich Hilfe und Unterstützung in der schwierigen Situation hatte holen wollen, ihr das Blatt aus den Händen rissen, mit ihren eigenen Stift wilde Spekulationen und Anschuldigungen darauf schrieben, und es vor ihren Augen so fest zerknüllten, dass sie meinte, es krümeln zu sehen, hatte sie den Mut, sich dagegen zu wehren und das Blatt wieder an sich zu nehmen. Sie hatte es heraus getragen, langsam wieder entfaltet und die fremden Bemerkungen entfernt. Zwar konnte man sie noch erahnen, aber sie wusste, dass sie verschwinden würden. Und sie würde diese Stellen noch einmal besonders sorgfältig überkleben, daran wachsen und versuchen, stolz auf sich zu sein.
Sie weigerte sich, dieses feine Gebilde, welches so wichtig für sie war, von anderen zerstören zu lassen. Ein kleiner, aber so wichtiger Schritt, der sie selbst erstaunte. Ein erstes Mal. Ein erstes Mal seit viel zu langer Zeit.
50 – Isolation
Immer, wenn sie aufwachte, befand sie sich in dem gleichen Schwebezustand. In einer kleinen Blase, mit leerem Kopf und umgeben von ihren diffusen Gedanken. Die Welt, das Leben, lief um diese Blase herum, umgab sie, aber ließ sie nicht teilhaben. Ihr war es nur recht. Es interessierte sie nicht, was dort vorging, es war ihr egal. Egal, dass die Sonne schien, egal, dass es dort einfach weiterging.
Eine Explosion hatte ihr zuerst den Boden unter den Füßen weg gerissen, und sie dann in Brand gesetzt. Sie war verglüht, in einer Blase gefangen und dazu verdammt, mit leerem Kopf ihren Gedanken zuzusehen, die ihr beinahe jeden Blick nach draussen versperrten.
Sie verstand nicht, wie das hatte passieren können. Dass Menschen, oder diejenigen, die sich als solche ausgaben, zu so etwas fähig waren. Eine Existenz, und damit mehr als nur ein Leben, einfach zu nehmen und in die Luft zu jagen, ohne Rücksicht und mit einer Erklärung, die aus nichts anderem als Lügen bestand. Und sie wussten es, da war sie sich sicher. Sie wussten, dass sie aufgrund einer Lüge das Streichholz angezündet und den vorbereiteten Sprengstoff damit entzündet hatten.
Und dabei war sie eigentlich nur der Kolateralschaden. Nur ein, vielleicht sogar erhoffter, Nebeneffekt. Ein verglühtes, leeres Etwas, das in einer schwebenden Blase allein mit seinen Gedanken zurückblieb. Handlungsunfähig, unter Schock, leer und verbrannt.
46
Ein Flackern. Sie fand kein besseres Wort dafür, auch wenn es nur unzureichend beschrieb, was sie empfand.
Mal hell, mal dunkel, mal schnell, mal langsam. Und in einer Intensität, die sie schier verrückt machte.
Hell. Warm. Sie sah ihre Umgebung, das Grün, das Blau, einfach alles. Sie wurde fast geblendet, war aber auch euphorisiert und konnte gar nicht anders, als ihren Blick auf all das Schöne um sie herum zu richten. Intensiv, war die beste Beschreibung, die ihr dazu einfiel.
Dunkel. Kalt. Schwärze um sie herum, nur die entfernten Feuer erhellten den Horizont und zogen ihren Blick auf sich. Ihr Blick richtete sich automatisch nach Innen, auch wenn sie dort nur die eigene Dunkelheit mit fernen und nahen Feuern sah. Intensiv, wie die Helligkeit, aber durch die erzwungene Isolation noch so viel bedrohlicher.
Hell. Dunkel.
Ein ewiges und nervenzerreissendes Wechselspiel, dem sie sich hilflos ausgeliefert fühlte. Unberechenbar schien es nach seinen eigenen Regeln zu spielen – sie war nur Zuschauerin.
Und so sehr sie die Helligkeit genoss – genießen wollte – , so sehr ängstigte sie die Dunkelheit und die Erwartung derselben, so lange es hell war.
Ein Flackern. Und sie wollte, dass es endet.
44 – Schmerz
Der Grat zwischen “ich kann nicht mehr“ und “ich will nicht mehr“ ist ein sehr, sehr schmaler, und ich balanciere darauf. Aber von oben, auf diesem Grat stehend, kann ich ein “ich könnte, wenn“ sehen, und es lässt mich fast auf der Stelle erstarren, zusammenbrechen. Fast, weil es zu sehr schmerzt, um still zu stehen, liegen zu bleiben.
Im letzten Eintrag schrieb ich – bzw. ein Teil von mir, wahrscheinlich eine Grau angefärbte Schwarz, vielleicht aber auch ein Teil Grün – , dass ich so viel von dem, was meine Thera sagt, schon zu wissen meine. Für Grau/Schwarz oder einen Teil Grün mag das stimmen; aber welcher Teil auch immer jetzt gerade mein Denken bestimmt, für den stimmt es nicht. Für den ist es eher ein “ich will es nicht wissen, weil es weh tut“. Und zwar richtig. Weil ich etwas ändern könnte, und es doch nicht schaffe. Weil es so einfach klingt, so logisch ist, und so unendlich schwer.
Hinschmeißen wäre die einfachere Lösung, aufgeben und sich auf eine der beiden Seiten recht oder links vom Grat fallen lassen. In der Ferne kein “ich könnte, wenn“ mehr sehen, sondern sich – vielleicht, vielleicht nicht – von irgendwem auffangen lassen.
Warum, verdammt, muss es so weh tun? Warum so anstrengend sein? Und warum ist es für andere selbstverständlich, während ich mich mit winzig kleinen Schritten, die mir wie ein kilometerlanger Hürdenlauf erscheinen, quäle?
40
Sie war ein Mond. Ein komplexer Himmelskörper aus Gedanken und Gefühlen, der um ein Leben kreiste, um einen Planeten.
Er hatte eine helle und eine dunkle Seite, dazwischen Zwielicht. Sie kannte ihn in- und auswendig. Kannte jede seiner Seiten, seine Oberfläche und alles, was darunter lag. Auch die Narben waren ihr vertraut, die die Einschläge von Asteroiden und die Vulkanausbrüche hinterlassen hatten.
Sie war dieser Planet, dieses Leben. Aber sie war auch der Mond, der auf ewig verbunden seine Bahnen am Himmel zog.
Sie wünschte sich, frei zu sein. Frei von einem Planeten, der sie seit einer gefühlten Ewigkeit zwang, ihren Blick ausschließlich auf ihn – und damit auf sich selbst – zu richten. Auf das Zwielicht und seine dunkle Seite, die so anders war, als das Licht. Bizarr, kalt, und auf eine nicht greifbare Art gewaltig. Der mit seiner schwankenden Anziehungskraft irgendwann dazu führen konnte, dass sie hinunter stürzte und sich selbst verlor.
Sie wollte mehr sein, als nur ein gefangener dunkler Satellit. Sie wünschte sich hin zum Licht, hin zu den zahllosen Sternen.