Mein Universum in der Nussschale

Ich sitze in einer winzigen Nussschale auf einem endlosen, tobenden Ozean. Die Wellen spielen ihr ganz eigenes Spiel mit mir, der Sturm reißt meinen Atem fort.

Meine mühevoll aufrecht gehaltene Projektion steht aufrecht und blickt nur im Augenwinkel auf die kleine Pfütze hinab, in der meine Nussschale mit meinem Ich schwimmt. Mit etwas Glück entschuldigen sich die, die die Hosenbeine meiner Projektion beim achtlosen Hindurchlaufen mit Wassertropfen bespritzen – falls sie es überhaupt bemerken oder kümmert. Meine Projektion lächelt und winkt ab, während sie nicht einmal flackert.

Meine Nussschale, in der sich mein ganzes konzentriertes Universum befindet, kentert fast, als die Wellen, die die unbedachten Schritte verursachten, darauf treffen. Nur mit Mühe kann ich mich fest- und gleichzeitig die Projektion aufrecht erhalten. Eisiges Wasser schwappt herein und lässt mich zittern. Mein Universum droht, sich in der Kälte noch weiter zusammenzuziehen, meine Gedanken sich noch weiter zu komprimieren. Bis ein schwarzes Loch entsteht.

Bunt ohne hell ist auch nur grau

Grün schaukelt mit trüben Augen auf der Stange in ihrem winzigen Käfig, in dem sie seit einiger Zeit sitzt. Irgendwer hat ihn abgeschlossen, aber es kümmert sie nicht. Sie schaukelt. Vor. Zurück. Vor. Zurück.
Gelb und Orange teilen sich einen kleinen Stuhl in der Ecke. Manchmal, wenn sie gebraucht werden, steht einer von ihnen lustlos auf und versucht, seinen Job zu machen. Egal, wie viel oder wenig Energie sie investieren, es scheint immer zu wenig und ist immer mehr, als eigentlich zur Verfügung steht. Beide sind froh, sobald sie wieder zurück und sich ausruhen dürfen, so schwer das auf dem unbquemen, harten Stuhl auch fällt.
Schwarz liegt am Boden. Dort liegt sie schon eine ganze Weile, und beobachtet die Staubflusen, die sich dort sammeln. Nicht, weil es sie interessieren würde, sondern weil ihre Augen ab und zu offen sind, und es halt staubt.
Rot liegt daneben. Dann und wann fällt ihr wieder ein, dass die Katastrophe noch nicht vorbei ist und Wut ein angemessenes Gefühl wäre. Dann setzt sie sich auf und schreit aus Leibeskräften, nur um festzstellen, dass diese nicht nur sehr begrenzt sind, sondern auch niemand zuhört. So wendet auch sie sich wieder den Flusen zu und passt auf, dass Schwarz sie nicht einatmet.
Grau spielt notgedrungen den einzigen Gedankenfilter. Verschluckt die Hälfte, nur um sie zu einem anderen Zeitpunkt zerhackt wieder auszuspucken. In den Rest macht er immer wieder Knoten und Schlaufen, Gefühle behält er gleich ganz für sich und lässt keines auch nur in die Nähe von mir.

°

Kalt! war die erste Empfindung, die ihr Bewusstsein drang, als sie erwachte. Nur langsam, denn der Schlaf entließ sie nur zögerlich aus seiner Welt in die ihre. Bewegungslos wartete sie darauf, ob sie wieder zurück in seine warme Umarmung durfte, aber er war fort, und sie fror. Sie lag auf dem nackten Erdboden, ohne Decke oder Kissen. Vorsichtig richtete sie sich in eine halb sitzende Position auf, und spürte neben jedem einzelnen Knochen in ihrem Körper auch die raue, feuchte Holzwand, an der ihr Rücken nun lehnte.
Ihr Gefängnis.
Der Verschlag war winzig, dunkel, und hatte nur ein kleines Fenster, was eher den Namen eines Gucklochs in die Welt da draußen verdiente. Und wieder ein neuer Tag im Paradies dachte sie sarkastisch. Sie versuchte, in sich hinein zu fühlen, in welcher Stimmung sie heute war. Wollte sie kämpfen? Es nur aushalten? Oder wimmernd in eine Ecke kriechen und auf die Nacht und den (meist nicht erholsamen) Schlaf warten?
Heute war sie fürs Kämpfen. Der Funke, den sie fand, war zwar nur winzig, aber dann kämpfte sie eben langsam und mit kleinen einhundert Prozent.
Also stand sie auf und suchte die Stelle, an der sie gestern schon gearbeitet hatte. Wieder einmal fand sie sie nicht, also startete sie von Neuem: mit ihren bloßen Händen kratzte sie so lange an einem der Bretter des Gefängnisses, bis ein Stück sich löste, das sie als Werkzeug verwenden konnte, um vielleicht eines der Bretter lockern zu können. Es war mühsam und anstrengend, und mehr als einmal fing sie sich einen schmerzhaften Splitter in den Fingern ein. Die modrige Luft machte ihr das Atmen bei der Anstrengung schwer.
Am Abend hatte sie nicht viel erreicht. Eines der Bretter war lose, und sie hatte sogar einen Nagel entfernen können, aber dahinter war ein weiteres Brett zum Vorschein gekommen. Sie war müde und erschöpft, und irgendwann, als das Licht schwand, beschloss sie, am nächsten Tag an dieser Stelle weiterzumachen. Sie sehnte sich nach Schlaf, als sie sich am Boden zusammenrollte und die Augen schloss.
Ein Geräusch weckte sie auf. Klebriger Schlaf verlangsamte ihre Gedanken, als ihr Bewusstsein an die Oberfläche schwappte. Es war Schock, als sie die Augen öffnete und es sah, als sie sich an das schwache Licht gewöhnt hatte. Den Hammer in der einen, den Nagel in der anderen Hand, die das gelöste Brett wieder an seinem Platz befestigten. Ihre Hände.

Spiegelwelt

IMG_20181003_141500.jpg

Auf dem See, den sie gerade betrachtete, sah sie das Spiegelbild ihrer Umgebung und von sich selbst. Die Oberfläche lag so ruhig da, dass jedes Detail in perfekter Symmetrie zurückgeworfen wurde. Wenn sie lächelte, lächelte ihr Spiegelbild. Warf sie einen Stein hinein, verschwamm es nur kurz.
Niemals aber zeigte sich, was unter der Oberfläche lag. Ob dort Strömungen den Grund aufwirbelten, der das Licht nach wenigen Zentimetern verschluckte.

Das Spiegelbild

Meine Mama ist heute nach 8 Tagen wieder gefahren. Ich wäre am liebsten heute gar nicht erst aufgestanden. Ich habe versucht, auf mich zu achten, und ich hatte einen ambitionierten Plan. Den ich gegen die Wand gefahren habe.

Am Mittwoch fasste ich den Entschluss, mit Mama am Freitag allein essen zu gehen. Ich wollte ihr so vieles sagen, ihr einen Blick hinter den Spiegel gewähren. Etwas, was ich bereits für unseren Ausflug am Mittoch vorhatte, dort aber nicht schaffte.
Wir hatten einen schönen Abend und zu viel leckeres Essen. Weil ich fahren musste, konnte ich nichts trinken und da lag das Problem. Wir redeten den ganzen Abend – aber nicht ein Wort über das, was ich eigentlich ansprechen wollte.
Vieles von dem, was wir redeten, habe ich schon wieder vergessen. Weil ich, während ich automatische Antworten gab, in meinem Kopf einen Kampf darum führte, ob ich rede oder nicht. Oder nicht hat gewonnen.

Ein neuer Plan entstand. Den gestrigen Ausflug oder das gemeinsame Abendessen nutzen, und reden. Aber auch hier schaffte ich es nicht. Ich führte den gleichen inneren Kampf, und verlor.

Ich versuche, zu verstehen, warum ich es nicht konnte. Warum ich meiner Mama nicht sagen konnte, dass es mich ärgert, wenn sie nicht reagiert, sobald ich schreibe, dass es mir nicht gut geht, aber sich mega freut, wenn das Gegenteil der Fall ist. Dass ich gerne über die Depression, die (letzte) Selbstverletzung und meine arschige Hausarzt-Vertretung reden würde, und warum ich so wenig esse.
Aber ich verstehe es nicht. Kein bisschen. Warum ich mich so schwer damit tue, obwohl mir nichts einfällt, was negatives hätte passieren können (außer enttäuscht oder als Aufmerksamkeitsgeil abgestempelt zu werden). Warum ich mal wieder meine Umgebung gespiegelt und die Maske nicht abgenommen habe.

Graues Wetter. Graue Gedanken.

90 – Paralleluniversum

Meine Depression ist ein Paralleluniversum, dass mich umschließt und überall hin begleitet. Ich bewege mich in der Welt der Anderen, aber niemand kann sehen, dass ich kein echter Teil dieser Welt bin. Wie eine unsichtbare, aber für mich deutlich spürbare Blase umhüllt sie mich – trübt die Farben und das Licht, während sie meine Energie raubt. Mich und die Anderen trennt eine ganze Dimension, die nicht fassbar ist. Wie ein Stück stoffliche Dunkelheit, allgegenwärtig.

Die Trennschicht, die zwischen mir und der Welt der Anderen liegt, ist manchmal unendlich und unüberbrückbar.
Vor einigen Tagen aber bildete sich ein Riss, der mir die ungetrübte Sicht ermöglichte. Auf eine bunte Welt, und den Abgrund am Rande der aufeinanderprallenden Dimensionen. Dieser Riss, der zunächst von einer ganz eigenen Energie auseinandergetrieben wurde, ist nun ein fragiler Zustand der Verbindung zweier Welten. Er braucht Energie, um sich nicht allmählich wieder zu verschließen und mich in sein Innerstes zu ziehen. Ein Schwebezustand, zwischen den Welten, zwischen den Kräften, die dort herrschen.

Ein Versuch, meine Gefühle zu beschreiben, die mich hin- und herreißen zwischen dem vertrauten Dunkel und dem fremden Bunt. Wenn die einfache Entscheidung die falsche ist…

87

Sie war einfach aufgewacht. Hatte die Augen geöffnet und die Farben gesehen. Viele Farben, millionen! Alles war bunt und warm und leicht. Fasziniert, mit staunenden Augen, hatte sie sich erhoben und die fremde Welt erkundet, vorsichtig tapsend die ersten Schritte gewagt.
Der erste Tag hatte sie berauscht und mit so vielen neuen Eindrücken überflutet, dass ihr ganz schwindlig wurde. Ihre überreizten Gedanken gehorchten ihr kaum, sie sprangen wie ein Flummi umher. Doch die kommenden Tage beruhigte sich ihr Kopf und die ungerichtete Energie fand den Weg in ihren ganzen Körper. Sie wurde durchströmt von Tatendrang und fühlte sich … glücklich? So genau konnte sie das neue Gefühl garnicht einordnen, sie wusste nur, dass es gerne auf ewig so bleiben könnte.
Doch wenn sie ihren Gedanken den Blick zurück gewährte, und kurz die Augen schloß, erinnerte sie sich an das Leben im Dunkel. Dort, wo Tonnen von Gestein auf ihrem Kopf und ihrem Körper lagen und selbst ihre Gedanken kaum Platz hatten. Sie mussten sich als dichtes Knäuel immerwährender Schleifen zusammendrängen, gefangen im Schraubstock der massiven Felsen.

Ein Blinzeln, und die Erinnerung wurde wieder zu etwas, was sie hinter sich lassen wollte. Sie würde diese neue Welt entdecken, sich unbeschwert und leicht fühlen. Für immer. Das war ihr Wunsch.

Das Kopfweh kam schleichend. Die Anspannung, die fehlende Achtsamkeit. Und dann, von einem Tag auf den anderen, war es nicht mehr leicht, nicht mehr selbstverständlich, die Augen geöffnet und die Gedanken frei zu halten. Da begriff sie, dass es kein böser Traum, keine alte Erinnerung war, sondern ein Teil ihres Selbst. Was immer geschehen war, dass es sich für eine Woche nach Leben anfühlte, es war fragil. Es bedeutete Arbeit und Kraftanstrengung, ohne dass sie genau wusste, wo sie es festhalten konnte. Sie hoffte nur, dass sie es irgendwie schaffte, bevor sie wieder verschüttet wurde.