Vertragsverhandlungen

Das Wochenende werde ich damit verbringen, einen Vertrag auszuhandeln. Mit mir – auf Geheiß meiner Therapeutin, die mir nun auch offiziell eine Essstörung attestiert. Ohne dass sie weiß, dass mein Zyklus gerade keiner mehr ist…

Weil ich noch die Kontrolle habe, soll ich aufschreiben, welche Regeln ab sofort gelten. Regeln, die die ES beschränken, nicht mich. Der vernünftige Teil in mir hat eine Idee, was da festgelegt werden könnte – der essgestörte Teil findet das aber garnicht witzig. Im Gegenteil, der feiert gerade, als solcher erkannt und gelabelt zu sein. Es geschafft zu haben.

Für Alkohol gibt es Regeln. Die habe ich vor ein paar Tagen aufgestellt, und meistens fühlt es sich okay an. Aber fürs Essen? Schwer. Richtig schwer.

Kopf hoch

Ich staune, zu wie viel Selbstmitgefühl ich in der Lage bin. Etwas, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es könnte, geschweige denn, es gut zu finden. Aber irgendetwas macht die Klinik mit mir. Irgendetwas erzeugt Resonanz in meinem Inneren, und ich wünsche mir wirklich (wirklich!), dass ich, was immer es ist, es mit nach Hause nehmen und weiter kultivieren kann.

Auf Resonanz trafen auch die Worte eines Vortrags über Depression, die ich garnicht so genau wiedergeben kann, aber deren Kernaussage mich seither beschäftigt. Depression ist nicht heilbar – aber wenn ich die Auslöser kenne, kann ich (fast, vielleicht auch ganz) symptomfrei leben. Ich weiß nicht warum, aber dieser Gedanke hilft mir viel mehr als der, dass ich Gesund werden kann. Auch wenn das Ergebnis am Ende das Selbe ist.

Und manchmal nehme ich in Gedanken Schwarz an die Hand, und wir gehen gemeinsam ein Stück. (… ein Satz, der mir beim Schreiben Tränen aufsteigen lässt…)

(die Karte auf dem Foto ist von cityproducts – ggf. unbezahlte und unaufgeforderte Werbung wg. Nennung)

Vertrauensfrage

Ich suche mir einen neuen Hausarzt. Ich habe das lange vor mir hergeschoben, aber für den jetzigen Urlaub habe ich es mir vorgenommen. Nach allem, was mir dort an den Kopf geworfen wurde, mag ich einfach nicht mehr dort hin.

Heutemorgen.
Traumhaftes Wetter, also gehe ich zu Fuß ins Dorf, wo ich einen Friseur-Termin habe. Meine noch-Hausarztpraxis ist gleich nebenan, also gehe ich vorher dort vorbei und bitte um eine Kopie meiner Patientenakte. Die Sprechstundenhilfe blafft mich in bekannter Manier an, ob ich vorher angerufen habe und dass das jetzt am Vormittag mal gar nicht ginge, weil Montag, und was ich denn eigentlich genau wolle und wofür? Ich wiederhole freundlich, aber bestimmt, was ich möchte, dass ich die nicht sofort brauche und gerne nach meinem Friseur-Termin nochmal vorbeischaue, wenn sie Gelegenheit hatte, mit einem der Ärzte zu sprechen. Ich rechne damit, dass ich morgen wiederkommen soll, und mit weiteren blöden Bemerkungen.
Als ich nach einer 3/4 Stunde zurückkomme, erhalte ich wider Erwarten tatsächlich meine fertige Kopie (gar nicht so billig…) und spaziere durch die Wintersonne wieder Heim.

Vorm Öffnen des Umschlags habe ich Schiss. Also gehe ich erstmal die frisch frisierte Frisur zerduschen, stelle eine Maschine Wäsche an, fülle die Miezen, putze das Duschregal. Dann traue ich mich.
Neben viel Kauderwelsch kann ich auch einiges rauslesen und fühle mich darin bestätigt, dass ich mir eine neue Praxis suchen sollte. Immerhin, nach dem gewünschten Telefonat des noch-Hausarztes mit meiner inzwischen-nicht-mehr-Therapeutin ist die Borderline-Diagnose rausgeflogen.

Die neue Praxis, die ich mir im Nachbarort rausgesucht habe, schließt gerade, als ich die Telefonnummer im Netz suche, aber *TrommelwirbelweilLandarzt* sie haben eine Homepage und eine Mailadresse, also schreibe ich hin. Schon eine halbe Stunde später habe ich eine sehr nette Rückmeldung, so dass ich heuteabend, wenn sie wieder Sprechstunde haben, anrufen und einen Termin machen werde.

Nun ist die Frage, möchte ich zu Frau Dr. Schulmedizin oder Herr Dr. Ganzheitlich? Das finde ich gar nicht so leicht zu beantworten. Ich hätte lieber einen Arzt, ohne dass ich sagen könnte, woher die Präferenz für einen Mann kommt – auch für die Therapie(n) hätte ich eigentlich lieber Männer gehabt. Aber an Homöopathie glaube ich etwa so sehr wie an den Mondkalender, nämlich garnicht. Also doch Frau Dr. Schulmedizin? Mal schauen. Schatz fragen, wenn er von der Arbeit zurück ist.

Außerdem mag ich diese Stelle für ein Schulterklopfen in eigener Sache nutzen. Weil ich die Sonne und den Spaziergang genossen habe, beim Doc war, mich von der Sprechstundenhilfe nicht habe verunsichern lassen, Wäsche wasche, das Regal saubergemacht, die Kaffeemaschine entkalkt, gelüftet, beim Tierarzt angerufen und die Mail geschrieben habe. Und was gegessen habe ich auch.

Heute ist ein guter Tag.

Pause

(Keine) Pausen machen ist eines der Themen bei meiner Therapie (gewesen). Immer wieder falle ich, vor allem Beruflich, in mein angestammtes Muster zurück. Während andere mit keiner anderen Absicht als Ratschen von Büro zu Büro laufen, habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir auf der Toilette jetzt im Winter noch ein paar Sekunden länger als notwendig warmes Wasser über meine dauernd kalten Hände laufen lasse. Wobei notwendig an dieser Stelle natürlich ein dehnbarer Begriff ist, bei Eishänden.

Meine Motivation in der Arbeit ist derzeit aus Gründen, die ich nur zum Teil verstehe, eher wenig nicht vorhanden. Für morgen habe ich mir spontan heute frei genommen, nicht zuletzt wegen der gemeldeten Schneemengen. Für mich vom Gefühl her trotzdem eher ein Blau machen als Frei haben, obwohl alles mit dem Chef abgestimmt ist.
Als ich Schatz davon erzähle – inklusive wenig Bock auf Arbeit – sagt er, “dann nimm dir doch diese Pause, wenn du sie brauchst“. So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Dass es eine Pause ist, die ich brauchen könnte und sich dadurch von selbst rechtfertigt – auch wenn ich sie vor mir garnicht rechtfertigen müssen sollte.

Also mache ich morgen (schneeschaufelnd) Pause. Basta.

Mit anderen Augen

Der Gedanke, was andere von mir denken könnten, begleitet mich schon so lange, dass es sich wie mein ganzes Leben anfühlt. Kein Wunder, denn wie oft hörte ich von meiner Mama, meiner Oma und anderen Mitgliedern meiner Familie die Worte, was andere nun wohl über dieses und jenes denken würden, was passiert war. Es ist wohl nachvollziehbar, wie schwer es mir fällt, mich von diesen Gedanken (plus denen, dass ich bitte ausnahmslos von allen gemocht werden will) zu lösen.

Ein relativ neuer Gedanke dazu kam mir aber erst vor Kurzem: ich betrachte mich und nahezu alles, was ich tue, stets durch die Augen Dritter. Wie sieht es aus, wenn…, Was denkt XY, wenn…, und so weiter. Und ich glaube, genau das könnte einer der Punkte sein, warum es mir nach wie vor so schwer fällt, mich selbst und die Depression anzunehmen, meine Fortschritte zu erkennen und (noch mehr) gegen die Krankheit zu kämpfen. Weil alle nur die Maske und die mühsam aufrecht erhaltene Perfektion sehen, aber nie das Chaos zu Gesicht bekommen, was täglich in meinem Kopf tobt. Und wenn ich nun hergehe und mich – durch die Augen Dritter – heute mit mir selbst zu Beginn meiner Verhaltenstherapie vergleiche, dann sehe ich einen so minimalen Unterschied, dass er schnell übersehen werden kann.

Wenn ich weiterkommen möchte, sehe ich aktuell nur einen Weg, der mir – zeitnah – helfen könnte. Gleichzeitig ist es gefühlt ein Spiel mit dem Feuer.
Natürlich kann – und werde – ich mich weiter bemühen, nicht mehr so viel darauf zu geben, was andere über mich denken und mich durch meine Augen statt durch die der Anderen betrachten. Aber durch die Prägung als Kind wird beides bestimmt eine lebenslange Herausforderung, die nicht von heute auf morgen umsetzbar ist.

Mein Plan

Ich werde den Anderen über mich erzählen. Ich möchte offener mit der Depression umgehen, und ich spüre schon länger, dass mir auch das Thema Entsigmatisierung am Herzen liegt. Ich möchte mich dafür – und für mich – stark machen. Auch, wenn ich entsetzliche Angst davor habe, dadurch selbst stigmatisiert zu werden – sei es von Bekannten, Kollegen, oder – wer weiß – möglichen künftigen Arbeitgebern. Aber ich sehe keinen anderen Weg.

Ich werde nicht morgen mit einem Banner durch meine Firma laufen. Ich werde auch diesen Blog nicht identifizierbar machen. Aber ich möchte auf Instagram, wo ich mit niemandem aus meinem Arbeitsumfeld verbunden bin, einen Anfang wagen. Vielleicht. Wenn ich mich traue.