Lie to me

Ich denke darüber nach, ob ich mich belüge, und das Ergebnis gefällt mir garnicht. Aber ich weiß, dass ich es tun muss. Und schlimmer noch: auch darüber reden muss, in einer der nächsten Einzelgespräche hier in der Klinik.

Meine Therapeutin fragte heute am Ende der Stunde, ob ich abgenommen habe, weil ich so schmal aussehe. Gut, das kenne ich in dem Outfit, da sagt auch Schatz, dass ich da extra dünn aussehe.
Nein, sage ich, habe ich nicht, keine Sorge. Und füge in Gedanken hinzu, aber schön wäre es! Und seit Aufnahme sind die 1,2 kg weniger vielleicht Zyklusbedingt – vielleicht aber auch nicht. Sie sagt, das sei auch gut so, weil wir sonst nach der positiven Schilderung meines aktuellen Gefühlszustandes schauen müssten, ob sich die Spannung nicht nur verlagert.

Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie genau damit einen Nerv getroffen hat (wie mit vielen Dingen, die sie in Nebensätzen fallen lässt und die mir die größten Erkenntnisse bringen).
Ich muss hier jeden Tag Sport machen. Ich muss mich bewegen. Ich muss meine Kalorien zählen und deutlich unter der vorgeschlagenen Zahl bleiben. Dass ich nicht abnehme, liegt nicht daran, dass ich es mir nicht wünschen und forcieren würde, sondern nur an der (noch) vorhandenen dünnen Stimme der Vernunft, die sagt, ich soll essen.

Aber ich weiß nicht, ob ich das aufgeben möchte.

Kopf hoch

Ich staune, zu wie viel Selbstmitgefühl ich in der Lage bin. Etwas, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es könnte, geschweige denn, es gut zu finden. Aber irgendetwas macht die Klinik mit mir. Irgendetwas erzeugt Resonanz in meinem Inneren, und ich wünsche mir wirklich (wirklich!), dass ich, was immer es ist, es mit nach Hause nehmen und weiter kultivieren kann.

Auf Resonanz trafen auch die Worte eines Vortrags über Depression, die ich garnicht so genau wiedergeben kann, aber deren Kernaussage mich seither beschäftigt. Depression ist nicht heilbar – aber wenn ich die Auslöser kenne, kann ich (fast, vielleicht auch ganz) symptomfrei leben. Ich weiß nicht warum, aber dieser Gedanke hilft mir viel mehr als der, dass ich Gesund werden kann. Auch wenn das Ergebnis am Ende das Selbe ist.

Und manchmal nehme ich in Gedanken Schwarz an die Hand, und wir gehen gemeinsam ein Stück. (… ein Satz, der mir beim Schreiben Tränen aufsteigen lässt…)

(die Karte auf dem Foto ist von cityproducts – ggf. unbezahlte und unaufgeforderte Werbung wg. Nennung)

Dekonstruktion

Langsam sickert die Tragweite dessen, was ich entschieden habe, in mein Bewusstsein durch. Ich bekomme so etwas wie Heimweh, obwohl dank Feiertag am Donnerstag und terminfreiem Wochenende bisher nur Entzug light von Schatz und Zuhause stattfindet und wir uns nur am Freitag garnicht gesehen haben.
Aber ab Morgen geht es hinab in die Tiefen meiner Psyche, und das für die nächsten paar Wochen. Und nach dieser De- und hoffentlich Rekonstruktion meines Innern soll ich dann auch noch wieder zurück in ein Leben finden, das in letzter Zeit keins war.

Wie es mir in letzter Zeit ging, zeigt mir gerade mein Zyklus. Der sich sonst immer jenseits der 30 Tage bewegte, und mir gestern nach nur 23 Tagen sein Ende präsentierte. Dieses Internet beschreibt Stress als eine der Hauptursachen – ich denke, es ist die plötzliche Abwesenheit desselben. Weil ich jeden Tag schwimme und lese und nichts tue, außer auf den Start der Therapien zu warten. Nicht arbeiten, kaum daran denken, abwarten in einer Zuckerwattewolke. Die hoffentlich gut genug klebt, dass ich hier nicht noch mehr von mir verliere, sondern mich wieder zusammensetzen kann.

Fragmente

Es ist verdammt kurz vor 12, macht mir mein Körper klar. Sobald ich übertreibe mein gewohntes Arbeits-, Wurschdl- oder auch nur Denktempo anschlage, antwortet mein Körper mit massivem Schwindel. Was ich krass finde. Und mir Angst macht. Weil es mir zeigt, wie sehr ich auf mich aufpassen muss, wenn ich nicht wirklich zusammenbrechen will.

Mein Projekt #mentalhealth läuft in winzigen Schritten an. Zu meinen Eltern war ich nicht so offen, wie ich es eigentlich vorhatte. Mein Papa sagte sogar im O-Ton … nicht, dass du noch depressiv wirst! und hält mir damit den Spiegel vors Gesicht, der zeigt, wie wenig ich eigentlich doch von mir zeige.

Ich lebe fragmentiert, schwirrt als loser Satz in meinem Kopf herum. Schatz. Arbeit. Familie. winzigkleineHandvollFreunde. Offizielles digitales Ich. Anonymes digitales Ich. Gedanken. Depression. Körperkram. Alles Fragmente, die nicht zusammenfinden. Die durch die Zeit schweben, und sich nur manchmal berühren – so wie jetzt, wenn Depression, Körperkram und Arbeit kollidieren, ohne dass ich weiß, wie das Szenario danach aussehen wird.

Bisher habe ich immer gedacht, ich wünsche mir, dass nichts mehr geht. Jetzt, wo ich nicht mehr weit von der Grenze entfernt bin – oder darauf balanciere – jagt es mir eine riesige Angst ein. Auch, weil ich nicht weiß, wo ich ansetzen soll. Therapeutensuche geht nicht von heute auf morgen (abgesehen davon, dass mir „stressfrei“ in dem Zusammenhang nicht als erstes einfällt), meine Mini-Schritte werden nur langsam etwas ändern können, und die Arbeit…wird mit meinem Leistungsanspruch als Magnet mit all dem kollidieren.

Und jetzt dreht sich wieder alles.

Projekt #mentalhealth

mentalhealth
Ich habe meine #mentalhealth, die ich lieber mit Stabilität denn Gesundheit übersetzen möchte, in meinem Kopf zum Projekt erhoben. Keine Ahnung, warum, aber ich hoffe, dass es so einen anderen Stellenwert einnehmen kann. Ein Projekt klingt netter als ein schnödes es muss sich was ändern.

Einen detaillierten Projektplan gibt es nicht – wird es auch nicht geben. Aber ein paar Punkte finde ich wichtig:
[x] einen Termin bei der Kinesiologin machen
[x] mich um einen Therapeuten kümmern
[ ] zum Therapeuten hingehen
[ ] zum Therapeuten ehrlich sein und Wünsche formulieren, z.B. dass ich mit Vornamen angesprochen werde (wenn auch das „Sie“ so bleibt)
[ ] zu meiner Familie offen und ehrlich sein, z.B. das Alkohol-Thema erwähnen
[ ] mir überlegen, wie ich künftig im beruflichen Umfeld mit dem Thema umgehe
[ ] möglichst jeden Abend mindestens in den Garten gehen
[ ] einmal die Woche etwas früher Feierabend machen
[ ] mir die Arbeit wieder angenehmer gestalten
[ ] Alkohol ist nur noch am Wochenende erlaubt

Das klingt in meinen Augen nicht nur ambitioniert, das ist es auch. Und vielleicht klappt es nicht. Aber vielleicht doch, und wenn es nur für einen schönen Sommer reicht.