89 – Körperwahrnehmung

Die Sache ist die – ich habe seit der Katastrophe erst durch die Schockreaktion (= fehlendes Hungergefühl über mehrere Wochen) und dann durch den Gedanken, wenigstens etwas in meinem Leben kontrollieren zu können (mein Essverhalten), inzwischen 10kg abgenommen, mein BMI liegt bei 19,4. Mein Körpergefühl dagegen sagt mir, dass ich immer noch mit meinem BMI von 28+ rumlaufe, den ich mit 12 hatte. Dass ich seit rund 20 Jahren mit Normal- bis Idealgewicht herumlaufe, ist in meinem Kopf nie richtig angekommen.

Spieglein, Spieglein

Wennn ich bewusst meine Schlüsselbeine, Rippen, Wangen- oder Hüftknochen im Spiegel anschaue, sehe ich, dass ich schlank bin. Ich freue mich auch, dass ich enge Klamotten anziehen kann, ohne dass irgendwas über meine Hose “quillt“.
Und trotzdem fühle ich mich nicht anders, als mit den +10kg von vorher.

Diät? Ernährungsumstellung? Essstörung?

Diäten habe ich haufenweise durch, meine Mutter hat mich und meinen Bruder (der als Kind eher zu dünn war, er hat es aber durch das Vorleben verinnerlicht und isst beizeiten auch, nennen wir es seltsam) quasi damit erzogen – sie war und ist dauerhaft unzufrieden mit ihrem Körper.

Mache ich jetzt eine Diät? Nein, würde ich nicht sagen. Ich habe mich nicht zu einer entschlossen.
Habe ich meine Ernährung umgestellt? Ja, schon irgendwie. Ich meine, es ist Sommer, wir haben einen eigenen Obst- und Gemüsegarten, und ich esse einfach “bunter“. Bestand mein Abendessen z.B. vorher aus zwei belegten Brötchen, ist es jetzt nur eins, dafür aber esse ich noch Möhren, (nicht selbstgezogene) Oliven (in Lake, nicht in Öl) oder Gurke mit Joghurt dazu.
Habe ich eine Essstörung? Also laut der bisherigen Definitionen, die ich so finden konnte, nicht. Laut der inneren Krise, die der Wunsch nach Nudeln von meinem Mann gestern bei mir auslöste (eine sowieso vegetarische und sehr gemüse- statt nudellastige Lasagne wurde dann draus) und der vielen Dinge, die ich eigentlich mal wieder gerne essen würde (Butterbreze, um nur eines von vielen zu nennen…), mir aber verweigere, schon.
Und auch mein vermehrter Haarausfall in den letzten Wochen, der wie durch ein Wunder durch supplimierte Vitamine/Mineralien wieder deutlich weniger geworden ist, und die langsame, aber stetige Gewichtsabnahme sprechen eine bestimmte Sprache.
Andererseits, ich esse ja. So wie jetzt gerade, Apfel und Pflaumen aus dem Garten, weil es schmeckt und obwohl ein Kaffee auch gereicht hätte, ich es aber vernünftig fand.

Auf der Waagschale

Es ist mir gerade egal, ob es gesund ist oder nicht, und meinetwegen muss ich auch nicht weiter abnehmen – meine Klamotten passen und auf Fotos sehe ich nicht fett aus – aber ich werde diese Kontrolle nicht aufgeben. Zumal ich mich an meine letzte solche Phase erinnere und sie der jetzigen so erschreckend ähnlich war: meine depressive Episode endete, und mein Essverhalten pendelte sich von selbst wieder ein. Ja, ich nahm zu, aber ich wurde nicht fett – objektiv gesehen.
Es scheint, als wäre es diesmal genauso – meine Episode scheint zu enden, alles andere wird sich zeigen.

88 – Tatendrang

Heute bin ich rastlos. Normale Sonntage bestehen bei mir zu 90% aus geplantem Nichtstun, nur unterbrochen von einer Runde Sport und Bügeln für die kommende Woche.
Gebügelt habe ich heute schon, Sport steht noch aus. Wir waren gestern den ganzen Tag unterwegs (ein schöner Ausflug), und ich weiß, wenn ich heute nicht ein bisschem rumgammel, hängt mir das die ganze Woche nach.
Ein Teil von mir will aber heute (unnötigerweise) das Bad putzen, aufräumen, das lang geplante Vogelhäuschen bauen und hundert andere Dinge machen, die ich mir noch ausdenken müsste. Und warum? Weil ich nicht nachdenken will. Über die Katastrophe, die gerade wieder präsenter ist und mich gestern schon beschäftigt hat, über die anstehende schwierige Therastunde diese Woche, über meine Mutter.

Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Gesternabend, nach genügend Alkohol, habe ich das Foto und ein Outing über meine Depression in die Familien-WhatsApp-Gruppe geschmissen. Ich schrieb, dass ich mich seit 15 Jahren fühle, als würde ich eine Maske tragen, und das nun nicht mehr wolle. Ich bereue es nicht, ich hatte es seit einigen Tagen vor, nur traute ich mich nicht.
Über das Medium lässt sich streiten, aber meine gesamte Familie lebt fast 800km entfernt, da ist alles andere schwierig.
Nun, mein Schwager (der es zumindest in groben Zügen bereits wusste) schickte als Reaktion ein Herzchen. Meine Tante ebenfalls, mitsamt einer Umarmung. Beides finde ich sehr lieb und die einzig wünschenswerte Reaktion. Meine Mama (die es weiß) fragte mich per WhatsApp außerhalb der Gruppe, was passiert sei, dass ich es gepostet hätte.
Irgendetwas an dieser Reaktion bringt mich zur Weißglut. Ich möchte antworten, dass der Grund dort steht: keine Maske mehr. Nenn es Weiterentwicklung, Offensivität, wie auch immer. Aber frag nicht so blöde Fragen, sondern sei einfach stolz auf mich, weil ich endlich ein Stück mehr zu mir stehe!

Genau darüber möchte ich heute nicht nachdenken. Ich geh sporteln.

81 – Ein Traum

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Ich hatte einen Traum, heutenacht. Einen, den ich öfters mal in den unterschiedlichsten Varianten träume. Ich habe einen Unfall, bin verletzt und auf Hilfe angewiesen. Die bekomme ich, von mir scheinbar vertrauten Menschen, die ich aber im echten Leben nicht kenne. Sie sorgen für mich, und vermitteln mir ein derart intensives Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, dass es immer noch nachklingt.
Genau das ist das Gefühl, nach dem ich im echten Leben suche, wurde mir bewusst. Dass ich es von Schatz bereits bekomme, spielt dabei keine Rolle, denn ich suche woanders und finde es nicht.

Was ich finde, ist …

Auf Facebook teilte meine Mama gesternabend einen Beitrag über den vermuteten Suizid von Rick Genest. Inhalt des Postings war der Folgende: „[…]Unterschätzt niemals den Wert der psychischen Gesundheit, hegt und pflegt euch und scheut euch nicht, nach Hilfe und Unterstützung zu fragen. Doch umgekehrt genauso: Depression hat wahnsinnig viele Gesichter, seid wachsam und behaltet ein offenes Ohr und offene Arme für eure Mitmenschen.[…]„.
Ich stehe ratlos vor diesem Posting, weil es etwas in mir anrührt, was ich nur schwer in Worte fassen kann. Nicht der eigentliche Inhalt, sondern dass meine Mama ihn teilt, meine Erkrankung aber … ignoriert, ist das falsche Wort, aber „darüber hinwegsieht“, „nicht wahrnimmt“ oder „nicht wahrhaben will“. Es macht mich wütend, traurig und hilflos.

Was ich mir wünsche, ist …

Gesternnachmittag telefonierte ich mit meiner Mama. Wir blieben oberflächlich. Sie fragt nicht, ich sage nichts. Ein nettes, einstündiges Gespräch über das Wetter, die aktuellen Fakten zur Katastrophe, den Urlaub, andere Leute. Alles wie immer.
Gesternnachmittag telefonierte ich mit meinem Papa. Wir blieben oberflächlich. Er fragt nicht, ich sage nichts. Ein nettes, viertelstündiges Gespräch über das Wetter, die aktuellen Fakten zur Katastrophe, den Urlaub. Alles wie immer.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal tiefgreifende Gespräche über Gefühle mit meinen Eltern irgendwem geführt habe, abgesehen von Schatz und der Therapeutin.
Empathie.
Genau das wünsche ich mir. Genau das bekomme ich nicht. Nur, wenn ich schlafe…

66 – Tausend Dinge…

…gehen mir gerade durch den Kopf, die ich gerne näher durchdenken und aufschreiben würde. Drei Ansätze habe ich gestartet, und alles wieder gelöscht, weil ich es nicht zuende denken kann. Mir fehlt die Konzentration, ich fühle mich erledigt.

Mein Hunger ist zurück, der Appetit kommt langsam. Mein BMI ist bei 20,2 hängen geblieben, und ich weiß nicht, ob ich es gut oder schlecht finde. Erstaunlicherweise finde ich meinen Körper gerade sehr okay, es müsste gar nicht weniger sein. Aber ich weigere mich, ihm so viele Nährstoffe zur Verfügung zu stellen, wie er eigentlich bräuchte. Ich esse deutlich zu wenig, und merke, wie es auf meine Leistungsfähigkeit schlägt. Wieder die zwei Meinungen in meinem Kopf: die Vernünftige, die sich denkt, dass ich essen muss (und es ja auch gerne mache, ist ja lecker), damit ich gesund bleibe und mich um mich kümmern kann, und die Kontrollierende, die sich diesen Anker der vermeintlichen Selbstbestimmtheit nicht nehmen lassen will (und wirklich gerne Magersüchtig wäre, weil es dann nichts mehr wäre, was ich verstecken kann).

Morgen ist die Katastrophe (vielleicht schreibe ich es mal auf, wenn alles vorbei ist) 8 Wochen her. Und wir haben einen wichtigen Termin, bei dem sich herausstellen wird, ob es schon morgen (fast) vorbei ist, oder der Alptraum weitergeht.
Ich verdränge die Gedanken daran, so gut es geht, um mir weder zu viele Sorgen, noch zu viele Hoffnungen zu machen. Auch nur ein Tag, der irgendwann vorbei sein wird.

64

Zuerst war sie nur durch eine künstlich erzeugte Unebenheit im Boden gestolpert. Eine gezielte Attacke der Anderen, die vermutlich genau das im Sinn gehabt hatten, als sie ohne Vorwarnung zuschlugen. Aber sie war nicht gefallen, sondern war nach einem kurzen Stolpern erst einmal weitergelaufen. Sie war unendlich wütend, weil sie sich genauso gut den Hals hätte brechen können, aber den Anderen war das offensichtlich egal gewesen.
Die Wut verengte ihr Gesichtsfeld und lenkte ihren Blick auf die Anderen. Dadurch bemerkte sie viel zu spät, dass sie nicht bergauf lief, weil die Wut sie beflügelte, sondern weil sie einen Hügel mit Aushub herauf eilte. Erst, als sie in das riesige Loch dahinter abrutschte, wurde ihr klar, was geschehen war. Dass ein Teil von ihr, der ihr vorausgeeilt war, sich bei der Unebenheit mehr als nur blaue Flecke geholt haben musste, aber deswegen genausowenig stehen geblieben war, wie sie selbst. Er hatte sich weiter geschleppt, einen Spaten genommen, und sich wenig später ein tiefes Loch gegraben, um sich dort zu verstecken und seine Wunden zu lecken.
Sie fiel, und konnte den Sturz nicht bremsen. Der Aufprall war hart, traf den schon verletzten Teil von ihr und gemeinsam brachen sie weiter ein, weil der Untergrund instabil war und nachgab. Die Bestandsaufnahme, als sie am kalten, feuchten Boden zu liegen kamen, war niederschmetternd. Der Rand des Lochs war in weite Ferne gerückt, die Wände waren schroff, sie beide verletzt und durcheinander.
Sie sah oben jemanden stehen, der zu ihnen herunter sah, und rief ihn an, ihr irgendwie zu helfen. Ihr Entsetzen hätte kaum größer sein können, als sie sich selbst dort oben erkannte – nicht mehr als ein Umriss, eine Hülle. Eine Hülle, die ein dickes schwarzes Tuch nahm, um es über dem Loch auszubreiten. Zwar sah sie noch hinaus, aber die Welt dort oben kam nur noch gedämpft bei ihr an. Das Licht, die Stimmen, alles. Und so sehr sie hier unten schrie und um Aufmerksamkeit oder gar Rettung flehte, so wenig drang es durch das schwarze Tuch nach außen. Sie war gefangen und durch sich selbst zu einem Dasein im Dunkel verdammt. Inzwischen war sie heiser, und spürte die Kälte aufsteigen. Ihre Hülle lächelte. Die Anderen waren längst fort.

60 – Kontakt

Ich habe den Kontakt zu meinem Leben verloren. Ich habe ein Bild im Kopf, aber ausnahmsweise will sich daraus keine Geschichte machen lassen. Bis vor 5 1/2 Wochen hielt ich in der einen Hand das Seil, dass mich mit der Vergangenheit verband, in der anderen jenes, das in die Zukunft führte. Dann kam die Katastrophe, und unterbrach den Kontakt. Jetzt erkenne ich immernoch meine Vergangenheit, aber die Zukunft ist irgendwo verloren gegangen, ich sehe sie nicht. Mein Leben läuft weiter, aber ich schaue nur von unten dabei zu.

Heute in der Therapie – ja, ich war da – haben wir mein Loch analysiert. Ich bin gefangen in altbekannten Mustern, Konfliktvermeidung deluxe. In mir tobt ein Widerstreit, der mich gerade nur noch mehr belastet.
Ich kenne die Muster, aber ich erkenne sie wie immer nicht, wenn ich davor stehe.
Also habe ich es in der Hand – mich beobachten, sie erkennen und gegenläufig handeln, auch wenn es schwer fällt und meiner Überlebensregel widerspricht.
Aber, habe ich es wirklich in der Hand? Bin ich nur selbst schuld, dass mein Loch gerade so tief ist, weil ich es ja “einfach nur“ ändern müsste? Wenn gerade alles so schwer fällt, ist es dann nicht legitim, den (vermeintlich?) einfacheren Weg zu gehen und erst bis zum Wochenende, dann bis zum Urlaub durchzuhalten?
Ich weiß es nicht. Beides klingt logisch, in beiden Fällen bin ich gerade das Opfer – und in einem auch der Täter.

Ich will doch nur, dass mein Kopf Ruhe gibt, die Situation, die zu alldem geführt hat, endlich vorbei ist, und ich mich langsam wieder an ein nicht nur nach außen normales Leben rantasten kann.

Ich las gerade einen anderen Blog über Achtsamkeit und eine geschlossene Tür ohne Schlüssel, die aber nie abgeschlossen war. Ich wünsche mir, dass ich auch bald die Klinke ergreifen und sie runterdrücken kann.