Heute nicht

Am Montag gibt es Kuchen, und ich könnte überforderter nicht sein.

Eine Mitpatientin, die am Wochenende heim darf, möchte backen und am Montagmorgen in der Gruppe jedem ein Stück Kuchen mitbringen. Toller Zeitpunkt, wo wir doch erst in der letzten Gruppenstunde über das von mir angeregte Thema Den eigenen Körper annehmen gesprochen haben und mir beim Reden nicht nur selbst auffiel, wie essgestört das klingt, was ich so dazu sage.

Jetzt gerade, wo ich seit Wochen mal wieder das widerliche wundervolle Gefühl von Sättigung habe (das mir an normalen Tagen völlig fremd ist und heute nur dem Kürbis und der inzwischen zunichte gemachten Überzeugung, kalorientechnisch trotzdem hinzukommen, geschuldet ist), fühle ich mich bei dem Gedanken noch schlechter. Ich plane schon das Essen der nächsten zwei Tage per App möglichst noch unterkalorischer als sonst, um den Tag heute zu kompensieren, der unfreiwillig zum Cheat-Day wurde, und überlege, wann ich mich frühestens wieder auf die Waage trauen kann. Derweil warte ich auf meine Menstruation, die sich ungewöhnlich viel Zeit lässt und rechne damit, sie mit dem täglichen Sportprogramm, was ich inzwischen durchziehe (außer heute, abgesehen von 10km Spazierengehen -.- ), gänzlich verschreckt zu haben.

Ich habe keine Ahnung, wie ich rauskommen soll aus der Nummer. Noch dazu wird meine Einzeltherapeutin, mit der ich in dieser Woche auch (eher oberflächlich) über das Thema gesprochen habe, die Gruppe leiten. Absagen traue ich mich nicht und außerdem hält der vernünftige Anteil in mir das für völlig überzogen. Aber den Kuchen annehmen und essen, noch dazu um diese Uhrzeit – undenkbar.

Da hab ich sie also, die angestrebte Analyse meines Themas rund ums (Nicht-) Essen:

„Kuchen?“
Nein.
Oder doch, vielleicht? Sieht ja schon auch lecker aus…
Nein! Geht nicht! Geht garnicht!
„Heute lieber nicht, danke.“

Will. Nicht.

Im Traum fühle ich mich unendlich erschöpft. Ich liege draußen im Gras und heule, weil ich nicht mehr kann. Wovon ich nicht mehr kann, weiß ich nicht (mehr), aber das Gefühl ist allumfassend.
Als ich aufwache, erscheint jede Bewegung zu viel. Allein aufzustehen kostet unendlich viel Überwindung und Kraft. Viel lieber würde ich liegen bleiben, aber etwas treibt mich dann doch nach zehnminütigem Kampf aus dem Bett.
Der erhoffte Effekt vom Kaffee bleibt aus und liebend gern würde ich mich wieder hinlegen – Zeit wäre genug, der erste Therapietermin ist erst um zwanzig nach zehn. Aber ich muss zum Sport, und das ist nicht verhandelbar.

Mein Körper will keinen Sport machen. Sagt er. Ziemlich laut. Ich höre nicht zu. Stattdessen trage ich ihn ins angrenzende Fitnessstudio, während er sich denkt, dass das nun echt nicht mein Ernst sein kann. Ist es. Mein voller.
Er sieht das anders, aber das ist mir egal. Also macht er mit, um anschließend nur noch mehr zu motzen, dass er schlafen will. Geht aber nicht, weil: Körpertherapie. Ausgerechnet. Mein Kreislauf steigt inzwischen in den Protest mit ein. Soll er doch.
Ich ziehe trotzdem brav all meine Termine heute durch und falle nach dem Abendessen endlich aufs Bett.
Der Gedanke, dass ich für tägliches Training zu wenig das Falsche esse, kommt kurz vorbei, aber wie in der Achtsamkeit gelernt lasse ich ihn ziehen.

Morgen? Zum Sport natürlich. Da muss er schon deutlicher werden, mein Körper.

Untergang

°Triggerwahrnung°

Ich will Alkohol. So sehr. Geht natürlich nicht, hier in der Klinik, weil ich a) keinen hier habe und er b) verboten ist und ich c) keinen wollen will, weil das sonst hieße, dass ich längst eine Grenze überschritten habe, die ich weit entfernt wähnte.
Ich könnte jetzt sezieren, warum ich gerade so sehr ein Wattehirn möchte, aber das würde wohl nur dazu führen, dass ich noch viel mehr eins will. Schneiden hat mir aber bisher niemand verboten.

Es ist Schwarz, die sich abends raus traut und fragil ist. Die alles so anders empfindet, als es sich tagsüber anfühlt. Und am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden, so dass ich meinen könnte, sie wäre garnicht dagewesen. Und wenn da weder ein Glas steht, das noch etwas hochprozentig riecht, noch meine Haut ein Indiz dafür zurückbehalten hast, ist mir, als wäre alles nur Einbildung gewesen, die nicht erwähnt werden muss, weil ja NICHTS! passiert ist.
Aber seit mindestens 3 Abenden liegt Schwarz mir in den Ohren, dass sie etwas will, etwas braucht. Dass sie gesehen werden mag, und wenn es dadurch ist, dass ich sie mit Bedarfsmedikation, die ich mich nicht anzufragen traue, beruhige und die Therapeutin das dann hoffentlich hinterfragt – so ihre Hoffnung. Ich fänd es weit weniger peinlich, mich zu schneiden, als nach Bedarf zu fragen.

Lie to me

Ich denke darüber nach, ob ich mich belüge, und das Ergebnis gefällt mir garnicht. Aber ich weiß, dass ich es tun muss. Und schlimmer noch: auch darüber reden muss, in einer der nächsten Einzelgespräche hier in der Klinik.

Meine Therapeutin fragte heute am Ende der Stunde, ob ich abgenommen habe, weil ich so schmal aussehe. Gut, das kenne ich in dem Outfit, da sagt auch Schatz, dass ich da extra dünn aussehe.
Nein, sage ich, habe ich nicht, keine Sorge. Und füge in Gedanken hinzu, aber schön wäre es! Und seit Aufnahme sind die 1,2 kg weniger vielleicht Zyklusbedingt – vielleicht aber auch nicht. Sie sagt, das sei auch gut so, weil wir sonst nach der positiven Schilderung meines aktuellen Gefühlszustandes schauen müssten, ob sich die Spannung nicht nur verlagert.

Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie genau damit einen Nerv getroffen hat (wie mit vielen Dingen, die sie in Nebensätzen fallen lässt und die mir die größten Erkenntnisse bringen).
Ich muss hier jeden Tag Sport machen. Ich muss mich bewegen. Ich muss meine Kalorien zählen und deutlich unter der vorgeschlagenen Zahl bleiben. Dass ich nicht abnehme, liegt nicht daran, dass ich es mir nicht wünschen und forcieren würde, sondern nur an der (noch) vorhandenen dünnen Stimme der Vernunft, die sagt, ich soll essen.

Aber ich weiß nicht, ob ich das aufgeben möchte.