Zerfall

Feiertag! raunzt mein Körper mir in der Früh entgegen, als ich aufwache. Jede Faser meiner physischen Existenz wehrt sich dagegen, mich auch nur rumzudrehen, weil ich wohl schon zu lange in dieser Position liege. Zu anstrengend lautet die einhellige Meinung.

Weil der Körper aber gerade nichts ist, was besonderer Beachtung bedarf, stehe ich trotzdem auf. Kaffe, Handy, Sofa. Morgenroutine an einem freien Tag.
Zwischen Hashtags und weiterhin ignoriertem Körper muss ich an das Gespräch von gesternabend mit Frau Ernährungsberaterin denken, der ich Anfang der Woche anstelle eines Essensprotokolls einen kleinen Seelenstrip geschickt hatte. Worte wie Sorgen, Therapeutensuche, Klinikaufenthalt und im Notfall Krankenhaus fallen. Wir verabreden, dass ich bis Ende April nachdenke und mich dann wieder bei ihr melde.

Sport ist der nächste Tagesordnungspunkt. Auch wenn mein Körper gerne auf dem Sofa bleiben würde, nehme ich ihn mit, weil es ohne nunmal nicht so richtig funktioniert. Eine Weile lang macht er auch brav mit, aber die letzten 10 Minuten vom Crosstrainer verweigert er. Ich lasse ihn gewähren und nehme ihn mit duschen, danach frühstücken wir.

Ein bisschen fotografieren, Bilder bearbeiten und Youtube leergucken später stelle ich entsetzt fest, wie viel noch von diesem wundertollen, warmen, sonnigen Frühlingsfeiertag übrig ist und wie wenig von mir. Schlafen wäre fantastisch, aber das müsste ich begründen, und Schatz hat bisher keine Ahnung von dem, was die letzten Wochen in meinem Kopf passiert, weil ich ihn rigoros aussperre. Und wenn ich ihn reinlasse, kann ich wohl nicht mehr so weitermachen, also nagle ich noch ein paar Bretter mehr von Innen an die Fenster.

Freischwebend

„Wie ist denn dein Körpergefühl?“ fragt Schatz. „Er ist halt da“ erwiedere ich, lasse die Frage so im Endeffekt unbeantwortet und schicke Schatz mal wieder – wie fast immer in letzter Zeit – auf Distanz.

Social distancing? Kann ich. Übe ich jeden Tag, auch an mir selbst. Der Körper macht halt, was er soll. Ist eine Notwendigkeit zur Existenz, auch wenn ich mich zur Gänze kontaktlos fühle. Aber nicht nur zu ihm, auch zu allem anderen. Nirgends ist eine Verbindung vorhanden, alles ist abstrakt und ewig weit weg. Ich bin auf einen winzig kleinen Punkt in meinem Kopf geschrumpft, gekettet an selbst auferlegte Regeln und Routinen, die nicht hinterfragt werden.

(Körperliche) Nähe ist eine nicht näher definierte Bedrohung und bestenfalls lästig, Kontakte werden so oberflächlich wie möglich gehalten. Der winzige Teil in mir, der sich nichts mehr wünscht als Halt und Wärme und Tiefe, wird negiert, sobald er sich auch nur ansatzweise zeigt.

„Ich habe das Gefühl, Du verneinst Dich andauernd selbst?„
„Ich frage mich, ob die Ernährungsberatung wirklich das Richtige ist, oder nicht doch mehr nötig wäre?„
Zwei weitere Sätze von Schatz aus dem Gespräch. Beide bleiben – auch im Innen – unbeantwortet.

Nichts hören. Nichts sehen. Nichts sagen. Nichts denken.

Verdunkelung

Minuten. Stunden. Tage. Ganze Wochen und Monate, die in der Bedeutungslosigkeit versickern. Sich nicht erinnern lassen, weil es nichts zu erinnern gibt, außer Gleichförmigkeit und einem diffusen Gefühl von zerronnener Zeit, die um mich herumzufließen, mich aber nicht zu berühren scheint.
Abstrakte Konstrukte von Körper und Funktion werden mir kommuniziert, schließen sich aber der Zeit an. Funktion funktioniert, Körper funktioniert. Das noch wird ignoriert, dem Fluss bedauernd wie gleichgültig zugeschaut. Da ist nichts.

Peripherie

Ich frage mich, was unter all dem Nichts so rumliegt und Staub ansetzt. Aber es ist, wenn überhaupt, nur ein geheucheltes Interesse, denn eigentlich ist es mir ziemlich sehr egal. Der Berg Nichts wird jedenfalls täglich höher, aber das sieht keiner, weil das nunmal in der Natur des Nichts liegt.

Die Woche habe ich wieder einmal auf der Überholspur verbracht, auf dem Zahnfleisch kriechend. Wartend – hoffend – auf den finalen Zusammenbruch, den mir mein Körper vehement verweigert und stattdessen weiter munter vor sich hin funktioniert. Wenn auch mit Abstrichen, so dass ich mitunter allein zu Atmen als unzumutbare Belastung empfinde. Gezeigt wird das natürlich niemandem, der Berg Nichts eignet sich da prima als Versteck für alles.

Während Schatz und andere auf meine Vernunft – und die Ernährungsberaterin – vertrauen, kürze ich unbemerkt meinen Ernährungsplan, beschließe, auch weiterhin keine Therapeutentermine und stattdessen Sport zu machen, verschiebe die EB-Termine, würde am liebsten alles hinschmeißen und mir mit Alkohol und einer Rasierklinge mal wieder einen richtig schönen Abend gönnen.

Ratlosigkeit macht sich breit, wenn ich so mein Leben betrachte, aber mehr als ein Schulterzucken habe ich nicht übrig dafür. Zu anstrengend. Zu egal.