Gewichtig

Seit die Fachmenschin mir mit einem imaginären PostIt zusätzlich die Diagnose Essstörung auf die Stirn geklebt hat, ist ebenjene in Feierlaune. Trötet munter in meinem Kopf umher und meint nun, sie wär echt wichtig. Zählt noch penibler jegliche Kalorien und wird noch strenger, weil, sie steht ja jetzt da auf dem gelben Zettelchen. Von einem Fachmenschen. Da kann man schonmal unter einem Anflug von Größenwahn leiden, gell.
An den vertraglichen Regeln, an denen ich arbeiten soll, beiße ich mir derweil die Zähne aus. Ich sage X, ES sagt weniger. Ich schlage Y vor, ES sagt nö. So winden wir uns umeinander und kommen auf keinen grünen Zweig. ES hat außerdem die tolle Idee, Schatz und mich zu belügen und gnadenlos weiterzumachen. Ganz hervorragend. Nicht.

Vertragsverhandlungen

Das Wochenende werde ich damit verbringen, einen Vertrag auszuhandeln. Mit mir – auf Geheiß meiner Therapeutin, die mir nun auch offiziell eine Essstörung attestiert. Ohne dass sie weiß, dass mein Zyklus gerade keiner mehr ist…

Weil ich noch die Kontrolle habe, soll ich aufschreiben, welche Regeln ab sofort gelten. Regeln, die die ES beschränken, nicht mich. Der vernünftige Teil in mir hat eine Idee, was da festgelegt werden könnte – der essgestörte Teil findet das aber garnicht witzig. Im Gegenteil, der feiert gerade, als solcher erkannt und gelabelt zu sein. Es geschafft zu haben.

Für Alkohol gibt es Regeln. Die habe ich vor ein paar Tagen aufgestellt, und meistens fühlt es sich okay an. Aber fürs Essen? Schwer. Richtig schwer.

Heute nicht

Am Montag gibt es Kuchen, und ich könnte überforderter nicht sein.

Eine Mitpatientin, die am Wochenende heim darf, möchte backen und am Montagmorgen in der Gruppe jedem ein Stück Kuchen mitbringen. Toller Zeitpunkt, wo wir doch erst in der letzten Gruppenstunde über das von mir angeregte Thema Den eigenen Körper annehmen gesprochen haben und mir beim Reden nicht nur selbst auffiel, wie essgestört das klingt, was ich so dazu sage.

Jetzt gerade, wo ich seit Wochen mal wieder das widerliche wundervolle Gefühl von Sättigung habe (das mir an normalen Tagen völlig fremd ist und heute nur dem Kürbis und der inzwischen zunichte gemachten Überzeugung, kalorientechnisch trotzdem hinzukommen, geschuldet ist), fühle ich mich bei dem Gedanken noch schlechter. Ich plane schon das Essen der nächsten zwei Tage per App möglichst noch unterkalorischer als sonst, um den Tag heute zu kompensieren, der unfreiwillig zum Cheat-Day wurde, und überlege, wann ich mich frühestens wieder auf die Waage trauen kann. Derweil warte ich auf meine Menstruation, die sich ungewöhnlich viel Zeit lässt und rechne damit, sie mit dem täglichen Sportprogramm, was ich inzwischen durchziehe (außer heute, abgesehen von 10km Spazierengehen -.- ), gänzlich verschreckt zu haben.

Ich habe keine Ahnung, wie ich rauskommen soll aus der Nummer. Noch dazu wird meine Einzeltherapeutin, mit der ich in dieser Woche auch (eher oberflächlich) über das Thema gesprochen habe, die Gruppe leiten. Absagen traue ich mich nicht und außerdem hält der vernünftige Anteil in mir das für völlig überzogen. Aber den Kuchen annehmen und essen, noch dazu um diese Uhrzeit – undenkbar.

Da hab ich sie also, die angestrebte Analyse meines Themas rund ums (Nicht-) Essen:

„Kuchen?“
Nein.
Oder doch, vielleicht? Sieht ja schon auch lecker aus…
Nein! Geht nicht! Geht garnicht!
„Heute lieber nicht, danke.“

Lie to me

Ich denke darüber nach, ob ich mich belüge, und das Ergebnis gefällt mir garnicht. Aber ich weiß, dass ich es tun muss. Und schlimmer noch: auch darüber reden muss, in einer der nächsten Einzelgespräche hier in der Klinik.

Meine Therapeutin fragte heute am Ende der Stunde, ob ich abgenommen habe, weil ich so schmal aussehe. Gut, das kenne ich in dem Outfit, da sagt auch Schatz, dass ich da extra dünn aussehe.
Nein, sage ich, habe ich nicht, keine Sorge. Und füge in Gedanken hinzu, aber schön wäre es! Und seit Aufnahme sind die 1,2 kg weniger vielleicht Zyklusbedingt – vielleicht aber auch nicht. Sie sagt, das sei auch gut so, weil wir sonst nach der positiven Schilderung meines aktuellen Gefühlszustandes schauen müssten, ob sich die Spannung nicht nur verlagert.

Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie genau damit einen Nerv getroffen hat (wie mit vielen Dingen, die sie in Nebensätzen fallen lässt und die mir die größten Erkenntnisse bringen).
Ich muss hier jeden Tag Sport machen. Ich muss mich bewegen. Ich muss meine Kalorien zählen und deutlich unter der vorgeschlagenen Zahl bleiben. Dass ich nicht abnehme, liegt nicht daran, dass ich es mir nicht wünschen und forcieren würde, sondern nur an der (noch) vorhandenen dünnen Stimme der Vernunft, die sagt, ich soll essen.

Aber ich weiß nicht, ob ich das aufgeben möchte.