Sie war los gesprintet, ganz und gar fokussiert und ohne Rücksicht. Weder auf sich, noch auf den Weg, den sie genommen hatte. Eigentlich war es nur eine kurze Strecke, die es galt, möglichst sicher und unbeschadet zu überwinden. Es gab sogar eine Brücke, die vom einen Ufer zum anderen führte; sie hatte sie vorher gesehen und auch darauf zugesteuert, als sie startete. Als sie noch festen Boden unter den Füßen hatte.
Doch es hatte sich verselbstständigt – sie war zu schnell gewesen, hatte die verbleibende Zeit viel zu gering eingeschätzt und war blindlings auf ihr Ziel zu gerannt, ohne auf die Brücke oder ihre Beine zu achten. Weiterlesen „35 – Abwege“
Schlagwort: Dunkel
31
Ein Raum. Ein geschlossenes System. Groß, aber begrenzt. Darin sah sie ihre Gedanken, ihren Geist schweben. Jeder ihrer Gedanken nahm etwas von dem Platz weg, der zwischen den zahllosen Schränken blieb, in dem sämtliche ihrer Erinnerungen eingelagert waren. Manche Schränke waren verstaubt, weil sie die Schubladen schon lang nicht mehr geöffnet hatte. Weiterlesen „31“
27
Es war einfach eine Lüge.
„Natürlich will ich gesund werden.“ Gelogen.
„Natürlich will ich mich nicht mehr verletzen.“ Gelogen.
Zumindest empfand Schwarz das so. Aber sie wurde ja nicht gefragt. Nein, die anderen hatten ihr diese Sätze auferlegt, waren sogar einigermaßen überzeugt davon. Dass sie dabei Schwarz‘ Todesurteil unterschrieben, war denen doch vollkommen egal. Weiterlesen „27“
26
Sie war gefangen in einem schmalen Spalt zwischen den Welten. Unsichtbar für die Anderen, die sie als Teil ihrer eigenen Welt sahen, blind für die feinen Unterschiede, die ihr wie eine massive, gläserne Wand erschien.
Schon ewig wanderte sie hier umher, auf grauen Pfaden unter einem grauen Himmel. Auf der einen Seite bunter Trubel, den die Anderen wohl „das Leben“ nannten, auf der anderen die immer dunkler werdende Schwärze, die sie als vertraute, dunkel Höhle kannte. Beides zog sie immer wieder in ihren Bann, aber nirgends fand sie einen Durchschlupf, um das Grau zu verlassen. Immer wieder stand sie fasziniert an einem der Ränder und starrte in diese fremden Welten, diese fremden Leben. Weiterlesen „26“
25
Ihre Gedanken waren wie ein kosmischer Nebel. Riesig groß und nahezu endlos sah der Nebel aus jeder Richtung etwas anders aus. Mal war er dichter, mal wie ein leichter Dunst, und schillerte in den unterschiedlichsten Farben. Alles war in Bewegung, formte sich stets neu und vermischte sich. Konturen bildeten sich heraus und wurden zu unzähligen Sternen, die hell und flammend alles um sie herum erleuchteten und wärmten.
Die dunkle Materie, die sich im Schatten zwischen dem Nebel verbarg, war anders. Weiterlesen „25“
23
Gestern war sie in einem schlechten Schwarzweißfilm gefangen gewesen. Viel zu dunkel, grobkörnig. Der Nieselregen lief ihr in den Nacken und ihren Rücken herunter, der schmale Pfad den schroffen Berg hinauf nahm kein Ende. Links und rechts wechselten sich Dornenbüsche mit tiefen Abhängen ab, in denen es nur Schwärze gab.
Mühsam setzte sie immer einen Fuß vor den anderen, weil der Weg zu schmal war, als dass sie hätte umkehren können. Der Wind fauchte ihr unablässig und eiskalt ins Gesicht, brachte sie ins straucheln. Ihr war schwindlig vor Kälte und Erschöpfung, sie bekam kaum noch Luft.
Heute war alles bunt, hell und hochauflösend. Die Sonne schien ihr ins Gesicht und wärmte sie angenehm, der leichte Weg vor ihr führte sie einen sanften Hügel hinunter. Die endlos erscheinenden grünen Wiesen waren voller Blumen, Insekten summten emsig umher.
Leichtfüßig setzte sie einen Schritt vor den anderen und freute sich auf die Landschaften, die sie in weiter Ferne erwarteten. Eine sanfte Briese wehte den Geruch von Natur und Meer und Freiheit zu ihr herüber, sie war trunken vom Leben. In tiefen Atemzügen sog sie all das Neue in sich auf.
Ob der nächste Tag Farbe haben würde, wusste sie nie.
08.10.2016