Grundlos

Geht es mir grundlos schlecht? Oder anders, provokanter gefragt: brauche ich einen Grund, damit es mir schlecht gehen „darf“? Eine klitzekleine sehr laute Stimme in meinem Kopf beantwortet diese Frage stets mit einem eindeutigen Ja. Jetzt weiß ich auch wieder, warum.

Ich antwortete meiner Mama auf ihre übliche Wochenend-WhatsApp letzte Woche, dass es mir ziemlich doof geht – in der Erwartung, dass sie diesen Teil meiner Nachricht wieder einmal ignorieren wird, wie so oft. Aber Überraschung!, sie tat es nicht, sondern fragte, warum.

Wünsch dir nichts, mit dem du dann nicht umgehen kannst

Ja, genau das hatte ich mir gewünscht – dass sie es mal nicht übergeht und ignoriert, sondern einfach irgendetwas dazu schreibt. Und als sie es tat, war ich sauer. Ich wollte sie sofort anschnauzen, ob es mir nicht einfach nur schlecht gehen darf, weil ich Depressionen habe auch ohne dass es einen konkreten Grund dafür gibt. Tatsächlich wich ich aus und nannte einen Grund, auch wenn es nicht der Grund ist, sondern nur einer von tausenden, oder keiner.

Seither bin ich gedanklich auf der Suche nach Henne und Ei, und zwar in beide Richtungen. Wenn es mir gut geht, ist das dann so, weil ich etwas für mich getan habe? Oder habe ich etwas für mich getan, weil ich es konnte – weil es mir gut geht? Und wenn es mir schlecht geht? Spiele ich die gleichen Gedanken durch.

Aber ich will mich nicht rechtfertigen und ich will auch nicht das Gefühl haben, mich rechtfertigen zu müssen. Wenn es mir nicht gut geht, ist das so. Ich habe Depressionen. Kein …, weil … sondern Punkt. Und wenn es mir gut geht, genauso – aber das fragt ja eh niemand.

Mein Universum in der Nussschale

Ich sitze in einer winzigen Nussschale auf einem endlosen, tobenden Ozean. Die Wellen spielen ihr ganz eigenes Spiel mit mir, der Sturm reißt meinen Atem fort.

Meine mühevoll aufrecht gehaltene Projektion steht aufrecht und blickt nur im Augenwinkel auf die kleine Pfütze hinab, in der meine Nussschale mit meinem Ich schwimmt. Mit etwas Glück entschuldigen sich die, die die Hosenbeine meiner Projektion beim achtlosen Hindurchlaufen mit Wassertropfen bespritzen – falls sie es überhaupt bemerken oder kümmert. Meine Projektion lächelt und winkt ab, während sie nicht einmal flackert.

Meine Nussschale, in der sich mein ganzes konzentriertes Universum befindet, kentert fast, als die Wellen, die die unbedachten Schritte verursachten, darauf treffen. Nur mit Mühe kann ich mich fest- und gleichzeitig die Projektion aufrecht erhalten. Eisiges Wasser schwappt herein und lässt mich zittern. Mein Universum droht, sich in der Kälte noch weiter zusammenzuziehen, meine Gedanken sich noch weiter zu komprimieren. Bis ein schwarzes Loch entsteht.

Leere trifft es ganz gut.

Ich spüre mich nicht. Seit Tagen.

Ich sitze in einer fremden Stadt in einem Hotelzimmer und frage mich, wie ich es eigentlich hierher geschafft habe. Irgendwie muss es jedenfalls funktioniert haben, auch wenn ich mich rückblickend nur wie ein Zuschauer fühle. Der ganze Tag war so … strange. Ja, ich war arbeiten. Ja, ich habe mit meinen Mitarbeitern geredet. Ja, ich habe mich auf Dienstreise begeben. Nein, ich habe keine Ahnung, wie ich das alles geschafft habe. Oder wie ich die nächsten Wochen zwei Tage überstehen soll.

Noch funktioniert der Autopilot, wenn er muss. Aber jetzt gerade muss er nicht, und es ist gut verdammt scheiße, dass ich weder Alk noch Rasierklingen mitgenommen habe.

What the f*cking hell is wrong with me?

Me.

Bunt ohne hell ist auch nur grau

Grün schaukelt mit trüben Augen auf der Stange in ihrem winzigen Käfig, in dem sie seit einiger Zeit sitzt. Irgendwer hat ihn abgeschlossen, aber es kümmert sie nicht. Sie schaukelt. Vor. Zurück. Vor. Zurück.
Gelb und Orange teilen sich einen kleinen Stuhl in der Ecke. Manchmal, wenn sie gebraucht werden, steht einer von ihnen lustlos auf und versucht, seinen Job zu machen. Egal, wie viel oder wenig Energie sie investieren, es scheint immer zu wenig und ist immer mehr, als eigentlich zur Verfügung steht. Beide sind froh, sobald sie wieder zurück und sich ausruhen dürfen, so schwer das auf dem unbquemen, harten Stuhl auch fällt.
Schwarz liegt am Boden. Dort liegt sie schon eine ganze Weile, und beobachtet die Staubflusen, die sich dort sammeln. Nicht, weil es sie interessieren würde, sondern weil ihre Augen ab und zu offen sind, und es halt staubt.
Rot liegt daneben. Dann und wann fällt ihr wieder ein, dass die Katastrophe noch nicht vorbei ist und Wut ein angemessenes Gefühl wäre. Dann setzt sie sich auf und schreit aus Leibeskräften, nur um festzstellen, dass diese nicht nur sehr begrenzt sind, sondern auch niemand zuhört. So wendet auch sie sich wieder den Flusen zu und passt auf, dass Schwarz sie nicht einatmet.
Grau spielt notgedrungen den einzigen Gedankenfilter. Verschluckt die Hälfte, nur um sie zu einem anderen Zeitpunkt zerhackt wieder auszuspucken. In den Rest macht er immer wieder Knoten und Schlaufen, Gefühle behält er gleich ganz für sich und lässt keines auch nur in die Nähe von mir.

°

Kalt! war die erste Empfindung, die ihr Bewusstsein drang, als sie erwachte. Nur langsam, denn der Schlaf entließ sie nur zögerlich aus seiner Welt in die ihre. Bewegungslos wartete sie darauf, ob sie wieder zurück in seine warme Umarmung durfte, aber er war fort, und sie fror. Sie lag auf dem nackten Erdboden, ohne Decke oder Kissen. Vorsichtig richtete sie sich in eine halb sitzende Position auf, und spürte neben jedem einzelnen Knochen in ihrem Körper auch die raue, feuchte Holzwand, an der ihr Rücken nun lehnte.
Ihr Gefängnis.
Der Verschlag war winzig, dunkel, und hatte nur ein kleines Fenster, was eher den Namen eines Gucklochs in die Welt da draußen verdiente. Und wieder ein neuer Tag im Paradies dachte sie sarkastisch. Sie versuchte, in sich hinein zu fühlen, in welcher Stimmung sie heute war. Wollte sie kämpfen? Es nur aushalten? Oder wimmernd in eine Ecke kriechen und auf die Nacht und den (meist nicht erholsamen) Schlaf warten?
Heute war sie fürs Kämpfen. Der Funke, den sie fand, war zwar nur winzig, aber dann kämpfte sie eben langsam und mit kleinen einhundert Prozent.
Also stand sie auf und suchte die Stelle, an der sie gestern schon gearbeitet hatte. Wieder einmal fand sie sie nicht, also startete sie von Neuem: mit ihren bloßen Händen kratzte sie so lange an einem der Bretter des Gefängnisses, bis ein Stück sich löste, das sie als Werkzeug verwenden konnte, um vielleicht eines der Bretter lockern zu können. Es war mühsam und anstrengend, und mehr als einmal fing sie sich einen schmerzhaften Splitter in den Fingern ein. Die modrige Luft machte ihr das Atmen bei der Anstrengung schwer.
Am Abend hatte sie nicht viel erreicht. Eines der Bretter war lose, und sie hatte sogar einen Nagel entfernen können, aber dahinter war ein weiteres Brett zum Vorschein gekommen. Sie war müde und erschöpft, und irgendwann, als das Licht schwand, beschloss sie, am nächsten Tag an dieser Stelle weiterzumachen. Sie sehnte sich nach Schlaf, als sie sich am Boden zusammenrollte und die Augen schloss.
Ein Geräusch weckte sie auf. Klebriger Schlaf verlangsamte ihre Gedanken, als ihr Bewusstsein an die Oberfläche schwappte. Es war Schock, als sie die Augen öffnete und es sah, als sie sich an das schwache Licht gewöhnt hatte. Den Hammer in der einen, den Nagel in der anderen Hand, die das gelöste Brett wieder an seinem Platz befestigten. Ihre Hände.

Geplante Planlosigkeit

Ein geplant planloser Sonntag an einem geplant planlosen Wochenende. Wie fast jeder Sonntag, weil ich das genau so brauche. Gammeln, und nur das tun, worauf ich Lust habe. Falls ich zu was Lust habe. Sport ist die einzige Sache, die dann doch fest jeden Sonntag eingeplant ist, weil sonst mein Rücken zu spinnen anfängt.
Mein Sportprogramm ist aber für heute schon durch, und vorher haben Schatz und ich sogar endlich – spontan – das Vogelfutter-Häuschen gebaut, was wir seit dem Frühjahr schon vorhatten. Jetzt also gammeln. Und ich muss sehr darauf achten, nicht in depressiver Langeweile zu versinken, an diesem grau-kalten Herbstsonntag, der eigentlich genau danach schreit.

Pläne

Ich liebe Pläne. Ich brauche Pläne. Auch wenn dann Planlosigkeit geplant ist. Aber eben noch mehr, wenn etwas geplant ist. So wie nächsten Sonntag, an dem ein Auswärts-Frühstück mit Freunden ansteht – dass ich noch nicht weiß, wann wir uns genau treffen (und ob ich überhaupt etwas essbares dort finde, ohne mich schrecklich zu fühlen) und überhaupt, macht mich jetzt schon nervös. Zusätzlich zu dem Umstand, dass es eben kein geplant planbefreiter Sonntag wird.
Man könnte meinen, Spontanität wäre nicht so mein Ding. Stimmt. So garnicht. Und ich hasse es, wenn meine Familie zu Besuch ist (wie heuer gleich vier Mal, wenn auch nicht immer die gleichen Leute), und es keinen genauen Tagesplan gibt. Och, schauen wir mal…, und ich stimme lächelnd zu und bekomme innerlich die Vollkrise.

Planlos

Interessanterweise beschränkt sich mein Planungsbedürfnis ausschließlich auf einzelne, nicht allzu weit in der Zukunft liegende Tage. Ich habe keinen Masteplan für mein Leben, nicht einmal beruflich. Die allseits beliebte Frage wo sehen Sie sich in 5 Jahren? ist daher immer mir viel Improvisation verbunden.
Vielleicht rührt daher die Angst, was in und mit meinem Leben passiert, wenn die Therapie endet. Drei Sitzungen noch, und dann ist mit Jahresende auch dieser Abschnitt vorbei. Und dann?
Und dann?