Puzzlearbeit

Ich versuche gerade herauszufinden, was von mir übrig ist. Und wer ich vor der Katastrophe war, denn so genau weiß ich das nicht mehr.
Ich lese alte Beiträge und mein Tagebuch, aber viel finde ich dort nicht. Dunkel erinnere ich mich, dass ich mich auf dem richtigen Weg wähnte. Aber wie sieht er aus, der richtige Weg? Ein langsames Herausarbeiten aus der Depression depressiven Phase, ein langsames Hineinarbeiten in meine Rolle als Führungskraft. Und weiter? Was war da noch?

Gerade finde ich nichts. Statt von Erleichterung überwältigt zu werden, sitze ich da und denke ein Geräusch, dem ein Uff sehr nahe kommt. Mein Körper und mein Kopf sind erschöpft und ich spüre, wie beide heimlich darüber nachdenken, sich einfach mal für eine Weile auszuklinken. Irgendwo in mir drin lauert unendliche Erschöpfung und eine körperliche Schwäche, die ich weder in Worte, noch sonstwie fassen kann.

Druckverlust

Es ist vorbei. Die Katastrophe hat ein Ende.
Es gab einen Vergleich – einen sehr teuren Vergleich für etwas, das einfach erfunden wurde. Aber er ist – Familie sei Dank – stemmbar, und wir behalten das Haus. Ich weiß nicht, ob ich es überlebt hätte, es zu verlieren. Wahrscheinlich nicht.

Heute habe ich frei. Und tatsächlich mal so etwas wie gut geschlafen. Elf Stunden – nachdem die erste Nacht danach verdammt kurz war.

Verstanden habe ich noch nicht, dass es vorbei ist. Ich weiß es zwar, aber ich fühle es noch nicht. 359 Tage waren es. Ein Jahr, das nur zum Wegschmeißen lohnt.
Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. Die letzten 12 Monate gab es täglich nur dieses eine Thema in meinem Kopf. Angst. Hoffen. Noch mehr Angst. Jetzt ist es aufgelöst, und mein Kopf irgendwie auch. Ich muss erstmal all die Teile zusammensuchen, die im letzten Jahr von mir abgebrochen (worden) sind.

Es ist vorbei.

Meinungsverschiedenheiten

Ich entscheide mich. Für nichts. Oder doch dagegen? Ich entscheide mich, dass ich mich nicht entscheiden kann. Oder will. Ist ja auch egal.

Ich hasse es. Ich hasse mich. In Bezug auf meine Entscheidungsfähigkeit war ich auf einem wirklich guten Weg – fast, als wäre es der Weg zu mir selbst. Dann kam die Katastrophe, und alles ist anders. Wichtige Entscheidungen zu treffen fällt mir immer schwerer, und vorallem im Berufsleben ist das wenig hilfreich, geschweige denn zielführend.

Ich wirke wie ein Fähnchen im Wind, dabei bin ich der Auffassung, dass ich nicht den Weg des geringsten Widerstands wähle, sondern einfach unterschiedliche Meinungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich überzeugend finde – wahrscheinlich bloß ein Trick von meinem Kopf, damit ich nicht herausfinde, dass ich tatsächlich nur ein Fähnchen bin.

Es ist so anstrengend. Ich höre mir die Argumente für A an, und bin zutiefst überzeugt. Mitunter tage- bis wochenlang. Dann höre ich Argumente für Z, und plötzlich kehrt sich meine innere Überzeugung um. Verstehen kann ich sowieso immer beide Seiten, weil ich beide Sichtweisen nachvollziehen kann. Und dann muss ich eine Entscheidung treffen. Und bin überfordert.

Ich hasse es, dass ich so (geworden) bin. Ich will nicht so sein. Ich will mir beide Seiten anhören und dann eindeutig für mich eine Entscheidung treffen können. Und, ganz verrückt, auch noch dazu stehen können, ohne dann wieder rumzueiern.

Gestern war wieder so eine Situation – die Deluxe-Version, sozusagen. Und seither sind SV-Gedanken da, weil ich einfach nicht mehr darüber nachdenken und meinem Kopf beim Meinungs-Hopping zusehen will. Ich will mich in Stücke hacken, der Situation entfliehen, einfach nicht mehr dort auftauchen. Ein Gefühl, welches ebenfalls nicht dazu beiträgt, mich weniger zu hassen.

Nüchtern betrachtet wäre Alkohol toll

„Hast du geschlitzt?“ Ja, genau so sagt er das. Geschlitzt.

Von vorn. Mein Papa ruft an. Seit Wochen habe ich nicht mehr mit ihm gesprochen, weil es mir bis Ostern so scheiße ging, dass ich nicht telefonieren konnte wollte. Das schrieb ich ihm vor einiger Zeit, und wünschte ihm einen schönen Urlaub. Ob ich in Behandlung sei, fragte er. Nein. Viel mehr schrieb weder ich noch er.

Nun also das unausweichliche Telefonat. Zuerst spricht er mit Schatz, während ich zunehmend nervöser werde. Über Gefühle mit Papa reden war noch nie meine Stärke.

Dann schwebt der Hörer vor meinem Gesicht, und ich nehme ihn mit einem inneren Seufzen entgegen.
Ob es mir besser geht, fragt er. Ja, nein, vielleicht, ein bisschen schon, denke ich – es ist kompliziert. „Ja, schon“, ringe ich mir ab, um Worte verlegen. Dann:“Hast du geschlitzt?“ Einen Moment lang kann ich nicht fassen, dass er überhaupt fragt, während ich die Wortwahl gleichzeitig faszinierend und abstoßend finde. Schon, ein bißchen, aber nicht annähernd genug schlimm. „Nein“ sage ich, bevor ich einen Gedanken daran verschwenden kann, ihm die Wahrheit zu sagen.
„Und du hast es auch nicht vor?“ fragt er dann, und im Tonfall schwingt neben Sorge auch Du dummes kleines Mädchen, wenn du es tätest mit. „Nee“ nuschle ich. Doch, und jetzt gerade ganz besonders, weil du mit so einer Frage und so einem Tonfall daherkommst, dass ich dir mir an die Kehle springen und dich anschreien will, dass das so einfach nicht ist, wie dein verbales, belächelndes Kopfschütteln es impliziert. „Ja, dann ist ja gut. Deswegen hatte ich auch gefragt wegen ärztlicher Betreuung und so, man macht sich ja Sorgen… Euer Urlaub war auch schön, habe ich gehört?“ wechselt er das Thema, während ich wieder daran hängen bleibe, dass meine körperliche Unversehrtheit wohl immer das Wichtigste bei Anderen zu sein scheint. Wenn nach Außen alles okay ist, kann es Innen schließlich auch nicht so schlimm sein. So viel zu der Frage von vor einigen Tagen, warum der Satz Stell dich nicht so an! so ausdauernd in meinem Kopf klebt.

Ja, es geht mir besser als vor Ostern. Vielleicht sogar ganz okay. Aber nach dem Telefonat ist da ganz viel Durcheinander. Alkohol half ein bisschen, und wenn ich nicht so Angst vor den Kalorien hätte, würde ich mich jetzt wohl ordentlich betrinken.

Unbunt

Heutemorgen.
Ich sollte wohl eigentlich nicht Auto fahren, weil alles nur automatisch läuft und ich mich alle paar Kilometer frage, wie ich diese nun genau hinter mich gebracht habe, weil mein Kopf ganz woanders ist. Aber sind keine Blaulichter im Rückspiegel, also muss es wohl gut funktioniert haben.

Heutemittag.
Der Tag so: *zwoooosh*
Ich so: *Warte auf mich, keine Zeit!*
Informationen prasseln auf mich ein, eine dringende Aufgabe reiht sich an die Nächste, und Besprechungen wollen auch noch abgehalten werden.
Ich muss pinkeln, aber erst nach einer Ewigkeit fällt mir ein, dass ich einfach mal aufs Klo gehen könnte.

Heutenachmittag.
Mein Kopf streikt, zu viele Infos, gearbeitet habe ich jetzt auch lange genug. Feierabend. Fahren geht nebenher, während ich über den Tag nachdenke und mich relativ unbesiegbar fühle. Zwar bin ich in einer wichtigen Angelegenheit nun der entgegengesetzten Meinung von vor 2 Wochen, aber diese fühlt sich richtig an. Die vor 2 Wochen damals auch, aber das lasse ich außen vor. Grün fragt sich, wer sich eigentlich den ganzen Psychokram ausdenkt und wo genau das Problem liegen soll. Ich frage mich, wann genau Grün aufgetaucht ist.

Jetzt.
Häh? Seltsamer Tag. Ein Hoch auf EgoStates. Und so.

Windungen

Manchmal bestimmte der Dämon ihr Leben. Er war es, der ihre Gedanken lenkte, ihre Gefühle verschlang und ihr Leben lebte, während sie sich verkroch und hoffte, dass es bald vorbei war. Düsternis umgab ihn, das Licht zog sich scheu in den Schatten zurück. Er durchsetzte sie mit einer solchen Gleichgültigkeit, dass auch die Kälte nicht mehr schmerzte, sondern bloß noch war.
Wenn er langsam verblassend verschwand, empfand sie neben Erleichterung doch auch immer so etwas wie Sehnsucht, die niemand verstand – am wenigsten sie selbst. Bei jeder seiner Heimsuchungen nahm er einen Teil von ihr mit und ließ Dunkelheit zurück. Vielleicht war es diese nun einsame Dunkelheit, die sich vor dem Licht fürchtete und der Wärme misstraute, die sich den Dämon zurückwünschte, weil er manches so viel leichter machte mit der Schwere, unter der er alles begrub. Die ihn umwarb und bezirzte, doch noch einmal zurückzukommen und sie in seine erbarmungslose, eiserne und doch sichere Umarmung zu nehmen.
Ein Tanz mit dem Teufel. Ein Tanz, der schnell in einer neuerlichen Geiselnahme enden konnte. Ein Tanz, den sie nur vermeintlich beherrschte und der ihr Angst machte, weil sie ihn nicht verstand, sondern nur fühlte.