35 – Abwege

Sie war los gesprintet, ganz und gar fokussiert und ohne Rücksicht. Weder auf sich, noch auf den Weg, den sie genommen hatte. Eigentlich war es nur eine kurze Strecke, die es galt, möglichst sicher und unbeschadet zu überwinden. Es gab sogar eine Brücke, die vom einen Ufer zum anderen führte; sie hatte sie vorher gesehen und auch darauf zugesteuert, als sie startete. Als sie noch festen Boden unter den Füßen hatte.
Doch es hatte sich verselbstständigt – sie war zu schnell gewesen, hatte die verbleibende Zeit viel zu gering eingeschätzt und war blindlings auf ihr Ziel zu gerannt, ohne auf die Brücke oder ihre Beine zu achten. Weiterlesen „35 – Abwege“

34 – 1 1/2 Stunden Leben

Sie fand es erstaunlich. Und irgendwie erschreckend.

Vor einiger Zeit hatte sie wieder angefangen, Sport – ihren Sport, ihre einstige und wieder neu entdeckte Leidenschaft – zu machen. Einmal die Woche, für eineinhalb Stunden, manchmal auch zwei.
Früher hatte sie sich nicht vorstellen können, jemals damit aufzuhören. Doch irgendwann fehlte nicht nur die Zeit, sondern auch die Energie, und so nahm ihr die Depression auch diesen Teil ihres Lebens. Jahre hatte sie ohne ihn verbracht, und nur ihre Träume hatten sie daran erinnert, wie gerne sie gespielt hatte.
Es war eine Überwindung gewesen, wieder anzufangen. Überhaupt, etwas anzufangen, allein und mit der Angst, auf Ablehnung zu stoßen, Weiterlesen „34 – 1 1/2 Stunden Leben“

31

Ein Raum. Ein geschlossenes System. Groß, aber begrenzt. Darin sah sie ihre Gedanken, ihren Geist schweben. Jeder ihrer Gedanken nahm etwas von dem Platz weg, der zwischen den zahllosen Schränken blieb, in dem sämtliche ihrer Erinnerungen eingelagert waren. Manche Schränke waren verstaubt, weil sie die Schubladen schon lang nicht mehr geöffnet hatte. Weiterlesen „31“

29

Bergauf. Steil bergauf. Einen anderen Weg gab es nicht.

Schon seit einiger Zeit hatte sie keine Abzweigung mehr gesehen, die sie auf einem flacheren Pfad voran gebracht hätte. Stehen bleiben, verweilen, sich ausruhen und vielleicht sogar einen Blick auf die Landschaft werfen war keine Option. Während ihr der Schweiß den Rücken herunterrann und ihr brennend in die Augen lief, fragte sie sich zum tausendsten Mal, wie wohl das Ziel aussehen mochte, auf das sie hinlief. Und zum tausendsten Mal kam sie zu keiner Antwort, außer der, dass der Weg das Ziel war.

Das war absurd. Weiterlesen „29“