
Sie stand also wieder auf dem Seil, an dem sie bis vor kurzem nur noch mit wenigen Fingern gehangen hatte, unter ihr der gähnende Abgrund.
Zunächst hatte sie eine Kulisse um sich herum aufbauen lassen. Eine sichere Blase, mit einer grünen weichen Wiese nur wenige Zentimeter unter dem Seil, und schützenden Wänden und einem Dach, so dass die vor dem Außen sicher war. So konnte die das Balancieren ganz neu einüben, denn ein Straucheln und Fallen endete bloß im weichen Gras. Und sie strauchelte und fiel, aber sie stand auf und versuchte es erneut, diesmal erfolgreich. Von Tag zu Tag wurde es leichter auf dem Seil, die Strecken wurden länger, das Straucheln weniger.
Und nach einigen Wochen kam der Punkt, als die Kulissen abgebaut wurden, und auch die Wiese verschwand. Dafür hatte sie sich eine Balancierstange gebastelt, an der sie sich festhalten konnte. Aber unter ihr war nicht mehr der schwarze Abgrund, sie konnte den Boden sehen, ziemlich nah. So nah, dass sie im Notfall mit einem Bein vom Seil herabsteigen und sich stabilisieren konnte. An den Wind, der nach dem Wegfall der Wände nun wieder spürbar war, musste sie sich erst noch gewöhnen. Und auch daran, dass das Seil wieder höher über den Boden stieg, aber dafür hatte sie ihre Stange bei sich, auf die sie ihr ganzes Denken fokussieren konnte. Andere wähnten den freihändigen Tanz auf dem Seil als ihr nahes Ziel, aber sie hing noch viel zu sehr an ihrem Helfer, um das auch nur ein Erwägung zu ziehen. Schritt für Schritt.
Schlagwort: Kurzgeschichte
Windungen
Manchmal bestimmte der Dämon ihr Leben. Er war es, der ihre Gedanken lenkte, ihre Gefühle verschlang und ihr Leben lebte, während sie sich verkroch und hoffte, dass es bald vorbei war. Düsternis umgab ihn, das Licht zog sich scheu in den Schatten zurück. Er durchsetzte sie mit einer solchen Gleichgültigkeit, dass auch die Kälte nicht mehr schmerzte, sondern bloß noch war.
Wenn er langsam verblassend verschwand, empfand sie neben Erleichterung doch auch immer so etwas wie Sehnsucht, die niemand verstand – am wenigsten sie selbst. Bei jeder seiner Heimsuchungen nahm er einen Teil von ihr mit und ließ Dunkelheit zurück. Vielleicht war es diese nun einsame Dunkelheit, die sich vor dem Licht fürchtete und der Wärme misstraute, die sich den Dämon zurückwünschte, weil er manches so viel leichter machte mit der Schwere, unter der er alles begrub. Die ihn umwarb und bezirzte, doch noch einmal zurückzukommen und sie in seine erbarmungslose, eiserne und doch sichere Umarmung zu nehmen.
Ein Tanz mit dem Teufel. Ein Tanz, der schnell in einer neuerlichen Geiselnahme enden konnte. Ein Tanz, den sie nur vermeintlich beherrschte und der ihr Angst machte, weil sie ihn nicht verstand, sondern nur fühlte.
Innere Stimmen

Sie redete und redete. Diskutierte mit allen möglichen Menschen, denen sie tagtäglich begegnete. Konstruierte Sätze und Realitäten, immer von der Intention getrieben, anderen verständlich zu machen, was sie gerade dachte, wie sie sich fühlte und wie sie die Welt sah. Worte reihten sich in beinahe endloser Folge aneinander und ergaben mal mehr, mal weniger Sinn. Das Bedürfnis, sich mitzuteilen und dadurch vielleicht ein Stück weit besser zu verstehen, war schon immer ein Teil von ihr gewesen.
Manchmal bekam sie Kopfschmerzen davon, wenn sie Sätze begann, deren Ende sie nicht aussprechen wollte oder es nicht einmal kannte. Oder wenn die Worte so schnell heraus mussten, dass sie sich dabei überschlug.
Viele Gespräche führte sie immer und immer wieder, in endlosen Schleifen. Passte hier und da ihre Ausdrucksweise an, interpretierte Reaktionen, erhoffte sich Wendungen. Blieb ruhig und sachlich, wurde wütend, schrie und schlug um sich, brach zusammen – je nachdem, wonach ihr gerade war.
Stumme Sätze, die nur selten den Weg aus ihren Gedanken nach Außen fanden. Stumme Diskussionen, die sie mit Menschen führte, die nur ein Abbild dessen waren, was sie für die Realität hielt. Stumme Bitten um Hilfe, die nie einen Empfänger fanden. Stumme Wut, die nur imaginäre Zimmer verwüstete. Stumme Zusammenbrüche, die nie jemand sah.
Stumme und endlose Diskussionen, die sich im Kreis um sie selbst drehten.
°
„Was willst du?!“
Die Worte (nein, Schreie, verbesserte sie sich in Gedanken) donnerten durch den Raum und hallten so laut in ihrem Kopf wider, dass sie zunächst Mühe hatte, sie überhaupt als solche zu identifizieren, geschweige denn, ihnen einen Sinn abzugewinnen. Das Dröhnen in ihren Ohren ließ nur langsam nach, und die darauffolgende Stille war beinahe lauter und unangenehmer als die Worte zuvor, die so unvermittelt die Zeit zerschnitten hatten, scharf wie eine Rasierklinge. Eine unangenehme Pause, die sie sich dennoch nicht zu unterbrechen traute.
„Was?!“
Ein einzelnes Wort, eine nahezu anklagende Frage, zermalmte erneut die Geräuschlosigkeit. Noch lauter als zuvor, aber auch eine Spur … verzweifelter? Sie spürte, wie die mühsam zurückgehaltenen Emotionen dennoch in den Worten mitschwangen und ihnen weit mehr Bedeutung verliehen, als die reine Heftigkeit, mir der sie ausgesprochen wurden, auch nur erahnen ließ. Wieder war die Stille so viel lauter, als es Worte je sein konnten.
„…bitte…“
Beinahe hätte sie es überhört so leise war es ausgesprochen worden. Die flehende Verzweiflung, die in diesem Flüstern lag, zerriß ihr das Herz. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie begriff, wie sehr sie sich eine Antwort erhoffte.
Stille.
Mein Universum in der Nussschale
Ich sitze in einer winzigen Nussschale auf einem endlosen, tobenden Ozean. Die Wellen spielen ihr ganz eigenes Spiel mit mir, der Sturm reißt meinen Atem fort.
Meine mühevoll aufrecht gehaltene Projektion steht aufrecht und blickt nur im Augenwinkel auf die kleine Pfütze hinab, in der meine Nussschale mit meinem Ich schwimmt. Mit etwas Glück entschuldigen sich die, die die Hosenbeine meiner Projektion beim achtlosen Hindurchlaufen mit Wassertropfen bespritzen – falls sie es überhaupt bemerken oder kümmert. Meine Projektion lächelt und winkt ab, während sie nicht einmal flackert.
Meine Nussschale, in der sich mein ganzes konzentriertes Universum befindet, kentert fast, als die Wellen, die die unbedachten Schritte verursachten, darauf treffen. Nur mit Mühe kann ich mich fest- und gleichzeitig die Projektion aufrecht erhalten. Eisiges Wasser schwappt herein und lässt mich zittern. Mein Universum droht, sich in der Kälte noch weiter zusammenzuziehen, meine Gedanken sich noch weiter zu komprimieren. Bis ein schwarzes Loch entsteht.
Bunt ohne hell ist auch nur grau
Grün schaukelt mit trüben Augen auf der Stange in ihrem winzigen Käfig, in dem sie seit einiger Zeit sitzt. Irgendwer hat ihn abgeschlossen, aber es kümmert sie nicht. Sie schaukelt. Vor. Zurück. Vor. Zurück.
Gelb und Orange teilen sich einen kleinen Stuhl in der Ecke. Manchmal, wenn sie gebraucht werden, steht einer von ihnen lustlos auf und versucht, seinen Job zu machen. Egal, wie viel oder wenig Energie sie investieren, es scheint immer zu wenig und ist immer mehr, als eigentlich zur Verfügung steht. Beide sind froh, sobald sie wieder zurück und sich ausruhen dürfen, so schwer das auf dem unbquemen, harten Stuhl auch fällt.
Schwarz liegt am Boden. Dort liegt sie schon eine ganze Weile, und beobachtet die Staubflusen, die sich dort sammeln. Nicht, weil es sie interessieren würde, sondern weil ihre Augen ab und zu offen sind, und es halt staubt.
Rot liegt daneben. Dann und wann fällt ihr wieder ein, dass die Katastrophe noch nicht vorbei ist und Wut ein angemessenes Gefühl wäre. Dann setzt sie sich auf und schreit aus Leibeskräften, nur um festzstellen, dass diese nicht nur sehr begrenzt sind, sondern auch niemand zuhört. So wendet auch sie sich wieder den Flusen zu und passt auf, dass Schwarz sie nicht einatmet.
Grau spielt notgedrungen den einzigen Gedankenfilter. Verschluckt die Hälfte, nur um sie zu einem anderen Zeitpunkt zerhackt wieder auszuspucken. In den Rest macht er immer wieder Knoten und Schlaufen, Gefühle behält er gleich ganz für sich und lässt keines auch nur in die Nähe von mir.