68 – Absturz

Gesternabend war ich zum zweiten Mal überhaupt in meinem Leben so betrunken, dass ich nicht mehr gerade gehen konnte.
Ich trinke seltenst, und dann nur recht wenig. Ich mag das Gefühl nicht, betrunken zu sein, und habe den Reiz, den andere verspüren, nie verstanden. Gestern haben wir gegrillt, mein Papa war zu Besuch, und die Schwiegereltern waren dabei. Anfangs fühlte ich mich noch vor das Problem gestellt, wie ich möglichst unauffällig möglichst wenig essen kann, aber das hat dann doch gut funktioniert. Als Vegetarier brauche ich fürs Fleisch schonmal keine Ausrede. Ich habe mich sogar satt gegessen, aber in meinen Magen passt auch einfach nur noch sehr wenig rein. Danach gabs einen sehr leckeren Likör, und ich trank 2 1/2 Schnapsgläschen. In Worten: zweieinhalb. Danach war ich so dicht, dass ich schließlich, als ich zur Toilette ging, einfach beschloss, ins Bett zu kriechen und die anderen, zusammen mit Schatz, einfach sitzen ließ. Es war mir so egal.
Ich weiß ja, dass mein Körper nährstoffunterversorgt ist, aber dass er den Zucker, und damit den Alkohol so gierig aufnehmen würde, hätte ich nicht gedacht.
Schlafen konnte ich übrigens trotzdem nicht.

Mein BMI heutfrüh: 19,8 – Tendenz also doch weiter fallend, obwohl ich am Mittwoch bei der Thera noch versprochen habe, darauf zu achten, nicht weiter abzunehmen.

67 – Insomnia

Ich kann nicht schlafen.
Aus diesem Grund (und weil mein Mann drum gebeten hat, dass ich über Antidepressiva nachdenke) war ich gestern – ohne große Lust, hätte am liebsten schon im Vorfeld abgesagt – bei einer Psychiaterin. Zum zweiten Mal überhaupt (siehe hier) und zum ersten Mal bei dieser Ärztin, die mir also potentiell Psychopharmaka verschreiben sollte.

Vielleicht erwartete ich zu viel, als ich nach wenigen Minuten halbherziger “Anamnese“ vor die Wahl gestellt wurde: “Entweder Sie nehmen Variante A, zusammen mit etwas Anderem zum Schlafen, dann geht es Ihnen die nächsten 4 Wochen noch viel schlechter und ich müsste Sie wegen der Schlafmittel krankschreiben, oder Sie nehmen Variante B, können sofort schlafen und nehmen mindestens 5kg zu“.
Danke, dann nehme ich “ich kann nicht schlafen“. Hätte ich zumindest gerne gesagt, aber weil ich so nett feige bin, habe ich Variante B genommen und noch vor Erhalt des Rezeptes beschlossen, es nicht einzulösen.

Jetzt liegt es also mahnend in meiner Tasche. Eine Möglichkeit, dass es mir besser ginge und ich mal wieder richtigen, erholsamen Schlaf haben könnte.
Vielleicht hätte ich mich sogar für Variante A entschieden, wenn ich nicht jetzt frei hätte und den Inselurlaub dann vermutlich heulend im Bett verbringen würde (Orange lacht – als würde sie je zulassen, dass ich 4 Wochen krankfeiere).

Ich klammere mich daran, dass durch den Urlaub alles wieder gut besser wird. Und ärgere mich gleichzeitig, dass die Psychiaterin das Gleiche sagte und in meinen Ohren damit impliziert, ich sei nicht depressiv, sondern nur gestresst.

66 – Tausend Dinge…

…gehen mir gerade durch den Kopf, die ich gerne näher durchdenken und aufschreiben würde. Drei Ansätze habe ich gestartet, und alles wieder gelöscht, weil ich es nicht zuende denken kann. Mir fehlt die Konzentration, ich fühle mich erledigt.

Mein Hunger ist zurück, der Appetit kommt langsam. Mein BMI ist bei 20,2 hängen geblieben, und ich weiß nicht, ob ich es gut oder schlecht finde. Erstaunlicherweise finde ich meinen Körper gerade sehr okay, es müsste gar nicht weniger sein. Aber ich weigere mich, ihm so viele Nährstoffe zur Verfügung zu stellen, wie er eigentlich bräuchte. Ich esse deutlich zu wenig, und merke, wie es auf meine Leistungsfähigkeit schlägt. Wieder die zwei Meinungen in meinem Kopf: die Vernünftige, die sich denkt, dass ich essen muss (und es ja auch gerne mache, ist ja lecker), damit ich gesund bleibe und mich um mich kümmern kann, und die Kontrollierende, die sich diesen Anker der vermeintlichen Selbstbestimmtheit nicht nehmen lassen will (und wirklich gerne Magersüchtig wäre, weil es dann nichts mehr wäre, was ich verstecken kann).

Morgen ist die Katastrophe (vielleicht schreibe ich es mal auf, wenn alles vorbei ist) 8 Wochen her. Und wir haben einen wichtigen Termin, bei dem sich herausstellen wird, ob es schon morgen (fast) vorbei ist, oder der Alptraum weitergeht.
Ich verdränge die Gedanken daran, so gut es geht, um mir weder zu viele Sorgen, noch zu viele Hoffnungen zu machen. Auch nur ein Tag, der irgendwann vorbei sein wird.

65 – Kotzen wäre auch mal schön

Eine Nacht, wie sie niemand braucht. Wir waren essen, gestern abend, aber ich weiß nicht, ob es wirklich am Essen liegt. Ich hatte einen Salat vom Buffet, der wirklich lecker war, aber eigentlich hatte ich keine Lust, essen zu gehen. Ein Freund ist zu Besuch, also bin ich ihm zuliebe mitgegangen, auch wenn ich den Abend lieber auf dem Sofa, bzw. viel früher als es dann gestern war, im Bett verbracht hätte.

Wieder daheim und endlich im Bett konnte ich nicht einschlafen, lag bis nach Mitternacht wach. Dazu bekam ich Kopfweh und dachte schon darüber nach, heute nicht arbeiten zu fahren, weil der Wecker näher und näher rückte. Aber ich wollte nicht schon wieder ausfallen in der Arbeit, also entschied ich, egal mit wie wenig Schlaf, doch arbeiten zu fahren. Irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen sein, wurde aber gegen halb 4 wieder wach, weil mir so übel war.
Keine Ahnung, ob es wirklich der Salat war, oder doch eher Psychosomatik, weil sich mein Körper denkt, wenn er mich nicht mit Schlafmangel und Kopfweh vom Arbeiten abhalten kann, dann greift er halt zu anderen Methoden. Gewirkt hat sie jedenfalls – es gibt nur wenig, was ich fieser finde, als starke Übelkeit.
Kotzen wäre wahrscheinlich schön gewesen, aber das kann ich meistens – so auch diese Nacht – nicht. So sitze ich nun hier bei Fenchel-Anis-Kümmel-Tee, weiterhin mit (etwas abgemilderter) Übelkeit, und sterbe fast am schlechten Gewissen, nicht Arbeiten zu sein.

Da sind sie wieder, meine States, die sich über mich streiten. Weil ich, faul und übertreibend, wie ich bin, schließlich hätte doch arbeiten gehen sollen. Die nächste Welle Übelkeit straft sie Lügen, genau wie die Tatsache, dass ich seltenst überhaupt in der Arbeit fehle und heute sicher nicht sehr produktiv wäre – sofern ich die 1-stündige Anfahrt überstanden hätte.
Aber vorletzte Woche bin ich auch einen Tag ausgefallen, und dann letztens die 1 1/2 Wochen erst!
Meine 150 Überstunden sprechen eine andere Sprache, kein Wunder, dass die nur einer der States berücksichtigt.

Ich habe das Recht, heute krank zu sein.

Vielleicht.

64

Zuerst war sie nur durch eine künstlich erzeugte Unebenheit im Boden gestolpert. Eine gezielte Attacke der Anderen, die vermutlich genau das im Sinn gehabt hatten, als sie ohne Vorwarnung zuschlugen. Aber sie war nicht gefallen, sondern war nach einem kurzen Stolpern erst einmal weitergelaufen. Sie war unendlich wütend, weil sie sich genauso gut den Hals hätte brechen können, aber den Anderen war das offensichtlich egal gewesen.
Die Wut verengte ihr Gesichtsfeld und lenkte ihren Blick auf die Anderen. Dadurch bemerkte sie viel zu spät, dass sie nicht bergauf lief, weil die Wut sie beflügelte, sondern weil sie einen Hügel mit Aushub herauf eilte. Erst, als sie in das riesige Loch dahinter abrutschte, wurde ihr klar, was geschehen war. Dass ein Teil von ihr, der ihr vorausgeeilt war, sich bei der Unebenheit mehr als nur blaue Flecke geholt haben musste, aber deswegen genausowenig stehen geblieben war, wie sie selbst. Er hatte sich weiter geschleppt, einen Spaten genommen, und sich wenig später ein tiefes Loch gegraben, um sich dort zu verstecken und seine Wunden zu lecken.
Sie fiel, und konnte den Sturz nicht bremsen. Der Aufprall war hart, traf den schon verletzten Teil von ihr und gemeinsam brachen sie weiter ein, weil der Untergrund instabil war und nachgab. Die Bestandsaufnahme, als sie am kalten, feuchten Boden zu liegen kamen, war niederschmetternd. Der Rand des Lochs war in weite Ferne gerückt, die Wände waren schroff, sie beide verletzt und durcheinander.
Sie sah oben jemanden stehen, der zu ihnen herunter sah, und rief ihn an, ihr irgendwie zu helfen. Ihr Entsetzen hätte kaum größer sein können, als sie sich selbst dort oben erkannte – nicht mehr als ein Umriss, eine Hülle. Eine Hülle, die ein dickes schwarzes Tuch nahm, um es über dem Loch auszubreiten. Zwar sah sie noch hinaus, aber die Welt dort oben kam nur noch gedämpft bei ihr an. Das Licht, die Stimmen, alles. Und so sehr sie hier unten schrie und um Aufmerksamkeit oder gar Rettung flehte, so wenig drang es durch das schwarze Tuch nach außen. Sie war gefangen und durch sich selbst zu einem Dasein im Dunkel verdammt. Inzwischen war sie heiser, und spürte die Kälte aufsteigen. Ihre Hülle lächelte. Die Anderen waren längst fort.

63 – …

Die Therapie nervt mich gerade. Natürlich ist der Ansatz einer Verhaltenstherapie der, mich aus der Passivität rauszuholen und selbst steuernd einzugreifen. Mir vor Augen zu halten, welche Mechanismen meiner Depression zugrunde liegen, mir zu erklären, warum sie mich gerade aus meinem Leben herauszieht und wovor sie mich schützen will. Alles logisch. Alles nachvollziehbar.
Aber ich will nicht verantwortlich dafür sein, ich will mich nicht auch noch schuldig und minderwertig fühlen, weil ich es selbst in der Hand habe.
So habe ich auch diese Woche wieder abgesagt, und nächste Woche ist die Therapeutin im Urlaub. Ob ich übernächste Woche dann hingehe, muss ich mal sehen. Auch zum Psychiater (Termin auch übernächste Woche) mag ich gerade nicht. Eigentlich mag ich gerade einfach überhaupt nichts machen, außer bis zum Urlaub durchhalten…