Zwietracht

Ach, du bist ja knuffig. Du dachtest echt, DU hättest die Kontrolle?“ sagt sie zu mir, und lächelt mich dabei milde an. Nicht herablassend, eher so, wie man ein naives Kind anlächelt, dem man nun etwas erklären muss.
Ja, das dachte ich wirklich.“ antworte ich, auch wenn ein Teil von mir schon seit einer Weile ahnt, dass es nicht so ist und vielleicht auch nie so war. „Und ich brauche dieses Gefühl doch! Ich habe doch nicht umsonst damit angefangen!“ schiebe ich hinterher.
Ganz ruhig„, sagt sie zu mir und legt ihre Hand auf meine Schulter. „Ich will dir das Gefühl ja auch nicht wegnehmen, sondern nur die Aufgabe an sich.
Ich bin verwirrt, und sage das auch.
Weißt du„, beginnt sie, und sieht sich dabei um, ob auch niemand in der Nähe ist, der mithören könnte. „Das Gefühl kannst du gern behalten. Sollst du sogar, ist ja deins. Aber das ständige Aufpassen, die Kontrolle selbst, die habe ich schon vor langer Zeit übernommen. Und es läuft doch super, oder findest du nicht?“ fragt sie mich.
Und ja, da muss ich ihr recht geben. Ich muss schon seit einer Weile nicht mehr überlegen, sondern es ist einfach so. Die Kontrolle ist einfach da, ohne das ich sie einschalten müsste. Ich nicke.
Siehst du? Und deswegen ist es doch gut, dass ich da bin, findest du nicht auch?“ Es ist eine rhetorische Frage, und sie wartet meine Antwort nicht ab. „Ich passe auf, dass du keinen Blödsinn machst und belohne dich auch noch, indem ich dir dein Gefühl lasse!
Aber jetzt… Ich habe Hunger!“ wage ich zu sagen. Das hätte ich wohl nicht tun sollen, denn plötzlich wird sie zur Furie und schreit mich an.
Ja und? Ist das jetzt mein Problem, oder was? Du wolltest es doch genau so haben, und jetzt heulst du rum? Schau dich an! Endlich mal keine Rolle über der Hose, du siehst deine Rippen und deine ach so geliebten Schlüsselbeine! Und jetzt willst du FETT werden, weil dein Körper meint, dir Vorschriften machen zu können? Dann mach doch! Ignorier mich halt, wenn du das für Richtig hältst!
Etwas fassungslos stehe ich da und starre auf meine Füße. Murmle so etwas wie eine Entschuldigung und hoffe, dass sie nicht zu sauer ist.
Hey, komm her„, sagt sie zu meiner Verwunderung, und nimmt mich in den Arm. „Keine Angst, ich gehe nicht weg. Ich bleibe.
Mein Magen knurrt. Ich bin etwas verlegen deswegen.
Warte noch ein halbes Stündchen, dann darfst du einen Kaffee trinken.“ murmelt sie mir ins Ohr. Ich bin dankbar und weiß, dass sie Recht hat. Ich will mich doch nur schön finden und so zerbrechlich fühlen, wie ich Innen drin bin.

Overload

„Von dir ist ja garnichts mehr übrig, was ist passiert?“ fragt meine Freundin überrascht, als wir uns zum Wanderwochenende treffen. Oh, danke! Sag mir mehr davon! denke ich, während ich relativierend erzähle, dass die Katastrophe schuld ist und das Thema wechsle.

„Du bist nur noch ein Strich, du hast eine Essstörung!“ sagt mein Mann, nachdem ich nach einer kurzen Abwesenheit ein abbrechendes Gespräch mit Blick auf meine rückkehrende Person zwischen ihm und unseren Freunden bemerke und wir wenig später schlafen gehen. Oh, danke! Erzähl mir mehr davon! denke ich, während ich „Blödsinn!“ sage und das Thema wechsle.

Die Bilanz des langen Wochenendes: 0 Ich-Zeit, ~ 55 km in wunderschöner Natur gewandert, zig Zauneidechsen und 2 Schlangen gesehen, 2 kg zugenommen. -.-

Letzteres versaut mir gerade den Tag, auch wenn ich mich an den Gedanken klammere, dass meine Muskeln nach den vier Tagen ordentlich strapaziert sind und ich gerade erst meine Tage hatte – ein Zustand, in dem ich es seit jeher vermeide, mich zu wiegen. Ich konnte mein Essen eigentlich gut kontrollieren, habe das Frühstück ausgelassen, mir meinen Joghurt mit Apfel immer für unterwegs mitgenommen und habe viele Möhren gegessen. Dann kam Samstagabend, und ich hatte einen gefühlten Fressflash, bei dem ich nach meinem überschaubaren Abendessen noch Plätzchen und Schokolade in mich hinein gestopft habe. Zwei Tage wandern bei andauernder Kalorienunterversorgung waren dann doch zu viel für meine Selbstkontrolle. Und auch wenn ich hoffe weiß, dass ich nicht wirklich davon zugenommen haben kann, fühlt es sich scheiße an. Ich hoffe, dass beim regulären Wiegen am Freitag wieder meine gewohnte Zahl dort steht, oder auch weniger, weil 55 km in vier Tagen für meinen Fitness-Zustand doch recht ordentlich sind.

Mein heutiges Frühstücks-Eis* wird jedenfalls den Hühnern gespendet, nachdem ich in Ermangelung von Joghurt eine zweite Banane verwendet habe und nach 3 Löffeln den Gedanken an den ganzen Zucker nicht mehr ertrage – abgesehen davon, dass es in dieser Mischung schlichtweg nicht schmeckt.

* gefrorene Blaubeeren, eine Banane, Joghurt, etwas Milch, Leinsaat, Rosmarin und Zimt

Und sonst? Habe ich Kopfweh und bin unendlich froh, heute und morgen Ich-Zeit zu haben, auch wenn es ein tolles Wochenende war. Ich bin nicht geeignet für 4 Tage Gesellschaft am Stück – so wenig, dass ich gestern die ganze 6-stündige Fahrt nicht lesen konnte, weil mein Kopf so voll von Eindrücken und Reden war, dass nichts mehr hinein passte.

Weil halt

Eigentlich wollte ich diese Woche meinen Blog nicht so inflationär nutzen, wie ich es gefühlt die letzten Tage getan habe. Pläne. Das Universum lacht.

Der erste Seminar- und damit Hoteltag ist um. Viel später, als ich gehofft – und mir vorgenommen – hatte. Zuviel Essen, zu wenig Alkohol.
Ironisch, dass die Kollegin, die etwa 3-mal so viel wiegt wie ich, am Nachmittag, nachdem ich mit leicht schlechtem Gewissen den Rest meines Mittagsjoghurts auf meinem kurzen Zwischenstopp im Zimmer gegessen habe, sagt, sie habe “jetzt mal einen Keks und damit das erste überhaupt an diesem Tag“ gegessen. Und am Abend, als es nach 21 Uhr endlich Abendessen und Nachtisch gibt (normalerweise liege ich um die Zeit schon im Bett) nur ihre halbe Portion und keinen Nachtisch isst, während ich gefühlt eine Million Kalorien in mich reinschaufele (ich hätte halt doch nur den Salat nehmen und mir doofe Kommentare anhören sollen, statt den verdammt leckeren Bratling auf viel zu öligem Gemüse) und anschließend den ersten Süßkram Nachtisch seit der Ausnahme an Silvester fresse.
Und das Training der letzten Zeit führt dazu, dass auch die Weinschorlen und der Ramazotti weit weniger bewirken, als sie es vor einem Jahr getan hätten.

Am Schlimmsten ist aber, dass ich mich nach diesem Gelage nicht so schlecht fühle, wie ich meine, dass ich es gefälligst sollte. Natürlich habe ich nicht gekotzt, weil ich es nicht kann, aber ich habe es nichtmal versucht.

Klar ist jedenfalls, dass ich morgen nicht zum Frühstück gehe und es bei Kaffee belasse. Und Mittag hoffe ich auf ein (Salat-)Buffet und noch mehr Kaffee.

Btw., mir ist klar, dass meine Kollegin wahrscheinlich (m)ein invertiertes und damit ähnlich ungesundes Körper- wie Essproblem hat. Ist beides scheiße.

Sonntagsgedanken

Heute geht es mir etwas besser. Und ich hasse es, das zu schreiben, weil es in meinem Kopf impliziert, dass ich mich die letzten Tage nur angestellt habe. Reingesteigert. Überreagiert.
Dabei ist dieses etwas ein sehr fragiles Gebilde. Ein Wie fühlst du dich kann ich nicht eindeutig beantworten. Etwas besser, trotzdem nicht gut vielleicht.

Ich habe nach wie vor den Gedanken, mich verletzen zu wollen. Ich esse nur einmal am Tag und habe weiter abgenommen nehme weiter ab. Ich antworte nicht auf Nachrichten und gehe nicht ans Telefon, weil ich bei einem weiteren Halt(et) die Ohren steif entweder in Tränen ausbrechen oder losbrüllen würde.
Ich will nicht stark sein und funktionieren müssen. Ich will leiden dürfen, weil ich es tue. (Keine Ahnung, ob jemand versteht, was ich meine – es ist ein sehr abstrakter, kaum erklärbarer Gedanke in meinem Kopf).

Ich weiß, dass die Kontrolle übers Essen (die mir dank fehlendem Appetit nicht wirklich schwer fällt) andere destruktive Verhaltensweisen – vorrangig SV – nur (unzulänglich, btw) ersetzt. Und, so erbärmlich es klingt, auch ein kleines bisschen darauf abzielt, dass andere sehen, dass etwas nicht stimmt. Etwas, das ich mit SV nie bezwecken wollte.

So oder so

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Gestern.
Ich wache auf, erinnere mich an anstrengende Träume. Mir fällt ein, dass Silvester ist, denke an meinen Plan, spätestens Mitternacht betrunken zu sein und verspüre den Wunsch, mich zu verletzen.
Ich stehe auf und denke, dass das nicht mein Tag wird. Weine fast, grundlos.
Es stresst mich, dass es am Abend beim Raclette so viel zu Essen geben wird, nehme mir aber vor, sehr kontrolliert fast nur Gemüse zu essen. Wir müssen noch viel vorbereiten, und so stürze ich mich dort hinein und stelle im Laufe des Tages fest, dass der Tag garnicht mehr so schlecht ist. Die Ablenkung tut gut – trotzdem muss ich vorm Fahren einem Impuls folgend meine Rasierklinge zurück in meine Handtasche schmuggeln.
Am Abend fahren wir unsere Wagenladung Zutaten zu Freunden und haben am Ende absurd viel Essen auf dem Tisch der Gartenhütte stehen. Ich esse Gemüse und nur wenig andere Sachen, bis ich angenehm satt bin – und esse weiter, bis ich am Ende Magenschmerzen bekomme. Ich gehe zur Toilette mit dem festen Vorsatz, zu erbrechen, lasse es dann aber doch sein, weil ein Teil von mir es für eine sehr blöde Idee hält.
Eine halbe Stunde später knie ich vor dem Klo und stecke mir den Finger in den Hals – nur, um wieder einmal festzustellen, dass ich nicht kotzen kann. Alles bleibt, wo es ist und ich fühle mich grauenvoll.
Ich hoffe, dass es mir mit meinem selbstgemachten Schnaps mit wirklich viel Alkohol zumindest egaler wird. Vermutlich liegt es an meinem übervollen Magen, dass ich genau nichts vom Alk merke und mich nicht einmal beschwippst fühle.
Als wir um halb 3 ins Bett gehen, fühle ich mich immer noch wie ein Walross.

Heute.
Es ist 8 Uhr, als ich von allein aufwache und mir blutende Arme wünsche. Mein Bauch fühlt sich noch genauso voll an wie in der Nacht und mir ist schlecht.
Ich stehe auf und denke, dass das nicht mein Jahr Tag wird.
Die Morgensonne scheint durch eine Wolkenlücke über den Bergen, Schatz und ich gehen schnell raus und machen ein paar Fotos, bevor die Lichtstimmung sich in Grau verwandelt, weil sich die Lücke schließt. Die Luft ist angenehm.
Vielleicht wird das Jahr der Tag doch okay?


Gestern.
Trotz komischer Träume habe ich ganz ok geschlafen. Wir haben heute noch viel vor, Vorbereitungen für das Essen heuteabend. Kurz nach meinem Frühstückskaffee fange ich an und merke, wie gut mir die Ablenkung tut. Es wird ein angenehmer, irgendwie kurzweiliger Tag und als wir am Abend zu Freunden fahren, habe ich fast so etwas wie gute Laune.
Wir sitzen in gemütlicher Runde zusammen und essen – es schmeckt fantastisch. Ich esse mehr als sonst, aber ich weiß auch, dass es okay ist, weil es ein besonderer Abend ist und ich auch mit einemgefühlten zu viel wahrscheinlich nicht auf meinen eigentlichen Kalorienbedarf komme. Dass ich Magenschmerzen bekomme, finde ich allerdings wirklich ätzend – aber mindestens genauso, dass ich mich hinterher dazu hinreißen lasse, zumindest zu versuchen, es wieder auszukotzen.
Wir verbringen einen lustigen Abend und als wir ins Bett gehen, denke ich, dass es mindestens ein okayer Tag war.

Heute.
Es ist 8 Uhr, als ich von allein aufwache und ganz froh darüber bin, weil ich dann heuteabend wahrscheinlich gut einschlafen kann. Ich stehe auf und bin erstaunt, dass die Sonne durch die Wolken leuchtet – könnte ein guter Tag werden!

Verschwindend gering

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Ein Apfel, 130g Joghurt, 7g Leinsamen … ich rechne aus, wieviel Kalorien ich an einem gewöhnlichen Wochentag so esse. Ich erschrecke, weil es nur 3-stellig ist, und als mir einfällt, dass ich die Milch im Kaffee vergessen habe, erschrecke ich nochmal, weil ich spontan befürchte, doch die 1.000 Kalorien zu knacken und gleichzeitig weiß, dass selbst das zu wenig wäre. Ich knacke sie aber – bei weitem – nicht. Und auch am Wochenende, wenn ich abends etwas Warmes esse, komme ich wahrscheinlich nicht an eine 4-stellige Kalorienaufnahme heran.

Mein Stoffwechsel war schon immer ziemlich gut – nicht im landläufigen Sinne, dass ich besonders viel essen könnte und nicht zunehme, sondern gut im verwertenden Sinne. Mein Körper holt schon immer alles aus den Lebensmitteln raus, was geht. Wahrscheinlich nehme ich deshalb trotz der täglichen negativen Kalorienbilanz nur langsam ab und finde es gleichzeitig gut und schlecht. Mein Essverhalten zerreißt mich innerlich in zwei Lager – doch dazu habe ich ja mehrfach schon etwas geschrieben.

Ursachenforschung

Worüber ich in den letzten Tagen nachdenke, ich der Grund für mein Hungern. Denn eigentlich hasse ich Hunger. Ich werde unausstehlich, wenn ich Hunger habe, und finde es selbst absolut ätzend. Aber irgendeinen Zweck muss es erfüllen, sonst würde nicht in der Küche das letzte Stück Nusskuchen meiner Schwiegerma, dass so verdammt gut riecht, immernoch unangetastet rumstehen, weil ich nicht mal in Erwägung ziehe, es zu essen.

Es ist nicht mein Gewicht. Es ist nicht meine Figur. Mein BMI war nie so niedrig wie jetzt, und meine Figur ist eigentlich ziemlich gut, auch wenn ich meine wabbeligen Oberschenkel (da habe ich die Bindegewebsschwäche meiner Ma geerbt, die werden einfach nicht straff, egal was ich tue) nach wie vor nur in einer gut sitzenden Jeans (wenn ich noch eine hätte, weil alles zu groß wird) angucken und anfassen mag.
Es ist das Gefühl der Kontrolle. Darüber, was ich esse und wann ich esse, und die Faszination, wie eine Tasse Kaffee mit Milch einige Stunden überbrücken kann, ohne dass ich unausstehlich werde.
Es ist das Gefühl der Sichtbarkeit. Alle sehen, dass ich abgenommen habe und niemand traut sich, mich darauf anzusprechen. Ich fühle es, wenn ich auf einem Stuhl mit harter Sitzfläche oder Lehne sitze und meine Knochen spüre.
Aber es ist auch Ablenkung. In der Zeit, in der ich meinen Körper kritisch im Spiegel ansehe und in der ich darüber nachdenke, was ich wann esse, kann ich nicht an die Katastrophe, die Depression und die Fragen, die ich mir stellen sollte, denken.

Ungestellte Fragen

Also hungere ich, und versuche gleichzeitig, so wenig Hunger wie möglich zu haben. Fasziniert von meinem Körper, der, selbst wenn mein Magen meldet, dass kein Platz mehr ist, noch Hunger signalisiert, weil er nach Nährstoffen giert, und meiner Willensstärke, dem nicht nachzugeben.

Ich weiß nicht, wo es hinführt. Aber auch das ist nichts, worüber ich nachdenke.