21

Rot, all ihr Gedanken waren nur noch rot. Es war ein bedrohliches und unheimliches Rot, aber gleichzeitig so warm, so vertraut. Seit Wochen stellte sie sich vor, wie es sein würde, jetzt zur Klinge zu greifen und es zu tun. Nach so langer Zeit wieder den Schmerz zu spüren und ihr Blut zu sehen. Es machte sie wahnsinnig vor Verlangen, und doch kämpfte sie dagegen an. Ein Stückchen Vernunft flüsterte ihr ins Ohr, dass sie doch im nächsten Sommer wieder T-Shirts tragen wollte, ein Stückchen Liebe schrie sie an, wie verletzt er sein würde, wenn sie es täte. Aber er sieht nicht die vielen einzelnen Tage, an denen ich es nicht getan habe! schrie sie zurück.
Sie wollte doch nur eines: wieder klar denken können, ohne dass der erste und letzte Gedanke eines Tages der an die Klinge war. Sie wollte nicht mehr kontrolliert werden vom Rot, das einfach nicht müde wurde, ihr Bilder in den Kopf zu setzen. Alles, was sie wollte, war Kontrolle. Über sich, über ihre Gedanken. Auch wenn es hieß, Rot für einen Moment das alles zu überlassen. Schmerz. Wärme. Kontrolle. Nur darum ging es. Immer.

01.11.2015

20

Hope war ein Miststück. Eigentlich hatte sie das immer gewusst, aber nie wahrhaben wollen. Sie hatte immer nur ihre gute Seite gesehen, die ihr eine Freundin gewesen war und sie stets aufrecht gehalten hatte. Hope hatte sie immer aufmunternd angelächelt und ihr Mut zugesprochen, wenn sie traurig war. Hatte sie an die Hand genommen und gestützt, wenn sie es brauchte.
Aber dann hatte sie einen Fehler gemacht, den sie nun zutiefst bedauerte – sie hatte Hope vertraut und sie nur einen kleinen Moment aus den Augen gelassen. Es wurde ihr zum Verhängnis. Weiterlesen „20“

16

Es war dunkel um sie herum, als sie die Augen aufschlug. Sie wusste nicht, wie sie hergekommen war, aber sie spürte, dass sie in großer Gefahr war. Unter ihren Händen fühlte sie feuchte Erde, als sie sich hochstemmte. Irgendwo verfing sich ihr Haar, es roch modrig. Wald, schoss ihr durch den Kopf. Aber kein friedlicher, lebendiger Wald, dieser hier was anders. Neblig, zwielichtig, bösartig. Mit Kreaturen, die ihr nach dem Leben trachteten. Als sie das begriff, spürte sie Panik in sich aufsteigen. Sie wusste nicht, wohin, aber hier konnte sie auch nicht bleiben. Wer weiß, wie lange sie dort gelegen hatte, und wie nah ihre Verfolger in dieser Zeit schon gekommen waren? Sie rannte los, so schnell sie konnte, und fand sich nur einen Moment später schon mit dem Gesicht im Dreck auf dem Boden liegend wieder. Weiterlesen „16“

15

Sie fragte sich, ob es eine Entscheidung war, ob sie Einfluss nehmen konnte. Denn sie stand bereits im grauen Regen und sah, dass der Horizont noch viel dunkler war. Bedrohlicher. Fernes Donnergrollen  zeugte von dem heftigen Unwetter, was dort tobte.
Sie war auf dem besten Wege, in ein Tiefdruckgebiet zu rennen, wenn sie den Weg weiterlief, auf dem sie hergekommen war. Aber konnte sie überhaupt noch entkommen? Machte es noch Sinn, einen anderen Weg zu suchen?
Sie versuchte es. Sie bewegte sich am Rand entlang, obwohl es sie so viel Anstrengung kostete. Es wäre einfacher, dem bisherigen Weg zu folgen, mit dem Wind, der sie wie von selbst tiefer in den Sturm hinein trug, wenn sie es zuließ. Aber sie wollte nicht aufgeben, denn war sie schnell genug, konnte sie sogar kurze Sonnenstrahlen erhaschen und sich darin aufwärmen. Aber es war ein Kampf gegen Goliath, der Sturm riss ihren Atem fort und schrie ihr ins Ohr, sie solle doch einfach aufgeben. Es klang so verlockend. Nicht mehr länger den Sonnenstrahlen hinterherjagen, nicht mehr länger gegen den Wind kämpfen, sondern sich von ihm tragen lassen, auch wenn es bedeutete, immer tiefer in das Tiefdruckgebiet vorzudringen.
Regen peitschte ihr ins Gesicht. Tränen mischten sich darunter. Der Donner schien so nah.

02.08.2015

MRT – ein nicht ganz ernstgemeinter Erlebnisbericht

Ich kann auch lustig – hoffe ich =)

Um niemanden zu langweilen, lasse ich die medizinischen Fakten einmal außen vor. Jedenfalls schickte mich mein Hausarzt zur Sicherheit zum MRT, und so war ich da nun.

Als erstes, als ich die Praxis betrete, fällt mir auf, dass es sich bei einer radiologischen Auftragspraxis um ein sehr einträgliches Geschäft handeln muss. Anders lässt es sich nicht erklären, warum im Sommer die Heizung mit voller Kraft versucht, die Räume in eine Sauna zu verwandeln.
Ich bekomme einen Fragebogen und einen halben Liter Kontrastmittel mit ins Wartezimmer, welches neben einem schicken Aquarium und Lounge-Sesseln mehr Platz bietet als so manche 2-Zimmer-Wohnung. Die Fenster sind schräg gestellt und die Heizung tut, was eben eine Heizung tun muss. Und sie tut es sehr erfolgreich.
Langsam dämmert mir, dass die flirrende Hitze vielleicht dazu animieren soll, das lauwarme Kontrastmittel-Zeug zu trinken, welches schmeckt, als hätte man eine halbe Süßstofftablette darin aufgelöst und die Socken aller Arzthelferinnen eine Nacht darin schwimmen lassen. Zum Wohl. Weiterlesen „MRT – ein nicht ganz ernstgemeinter Erlebnisbericht“

14

Wo soll ich nur anfangen? dachte sie und durchwühlte alle Schränke und Schubladen. Doch nirgendwo war es zu finden, also konnte es nur irgendwo draußen verloren gegangen sein. Seufzend zog sie ihre Schuhe und eine Jacke an und verließ das Haus.

Sie schlug blind irgendeine Richtung ein – diese hier war so gut wie jede andere, und irgendwo musste sie ja anfangen. Ihr war egal, durch welche Gegend sie gerade lief, ihr Blick war starr auf den Boden zu ihren Füßen gerichtet, um es nicht zu übersehen, sollte sie es endlich finden.

Manch einer wunderte sich und bat seine Hilfe an, aber sie war so konzentriert auf sich selbst, dass sie nichtmal die verwischten Landschaftsstreifen im Augenwinkel bemerkte. Es würde nie einen Sinn ergeben, wenn sie es nicht endlich finden würde! Aber die hörte nur den Wind in ihren Ohren immer lauter brüllen. Laut. So laut! Wie solle sie sich da bitte weiter auf die Suche konzentrieren?

Damals war alles gut gewesen, sie hatte es immer bei sich gehabt und hätte nie gedacht, es jemals zu verlieren. Sie war dumm gewesen, fahrlässig, nicht aufmerksam genug. Und jetzt war es fort und sie konnte es nirgendwo finden. Starr hielt sie den Blick auf den Boden gerichtet und verfolgte jeden ihrer eigenen einsamen Schritte. Hätte sie den Kopf auch nur um eine Winzigkeit angehoben, hätte sie bemerkt, dass eben jene Schritte einen tiefen Graben gelaufen hatten, der sie im Kreis um ihr Leben herumführte, welches sie so inständig zu finden hoffte.

Aber sie hob ihn nicht.

23.05.2015