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Es war dunkel um sie herum, als sie die Augen aufschlug. Sie wusste nicht, wie sie hergekommen war, aber sie spürte, dass sie in großer Gefahr war. Unter ihren Händen fühlte sie feuchte Erde, als sie sich hochstemmte. Irgendwo verfing sich ihr Haar, es roch modrig. Wald, schoss ihr durch den Kopf. Aber kein friedlicher, lebendiger Wald, dieser hier was anders. Neblig, zwielichtig, bösartig. Mit Kreaturen, die ihr nach dem Leben trachteten. Als sie das begriff, spürte sie Panik in sich aufsteigen. Sie wusste nicht, wohin, aber hier konnte sie auch nicht bleiben. Wer weiß, wie lange sie dort gelegen hatte, und wie nah ihre Verfolger in dieser Zeit schon gekommen waren? Sie rannte los, so schnell sie konnte, und fand sich nur einen Moment später schon mit dem Gesicht im Dreck auf dem Boden liegend wieder. Sie war sich sicher, dass der tote Baum neben ihr finster lachte, als er die Wurzel, die sie eben noch zu Fall gebracht hatte, wieder zurück in den schwarzen Boden verschwinden ließ.

Sie lief weiter, wenn auch etwas langsamer und den Blick auf den Untergrund vor sich gerichtet – aber der dichte, klebrige Nebel verschluckte alles, was weiter als einen halben Meter von ihr entfernt lag. Äste schlugen ihr nass und schwer ins Gesicht, griffen nach ihrem Haar und rissen an ihrer Kleidung. Ein dunkles Knurren schien die Luft erzittern zu lassen und selbst das wenige noch vorhandene Licht zog sich angstvoll tiefer in die Schatten zurück.

Sie wechselte ein paar Mal spontan die Richtung, aber trotzdem kam sie immer schlechter voran. Die Bäume kamen immer näher, die Äste schlugen immer härter in ihr Gesicht, kratzten nach ihren Augen, obwohl sie immer langsamer wurde. Eine neue Welle der Panik überrollte sie, als sie nicht nur ihren eigenen, rasselnden Atem hören konnte, sondern auch den ihres Verfolgers hinter ihr. Nah hinter ihr. Angestachelt von der Angst versuchte sie, wieder schneller zu laufen, aber die Bäume waren zu dicht. Plötzlich fand sie sich umringt von ihnen wieder, sie hatten sie gefangen, eingesperrt. Schwarze, bösartige Bäume, deren Äste sich wie unheimliche Knochenfinger um sie legten, sie erdrückten, erstickten. Es war zu spät, um Hilfe zu schreien. Ihr Atem kondensierte stumm vor ihrem Gesicht, als die Wand aus dunklen Kreaturen um sie herum mit der Nacht verschmolz und es nur noch die Dunkelheit gab.

05.09.2015

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