28

Mit Unwillen, ja Abscheu, sah sie das Kostüm an, das sie am Freitag achtlos in eine Ecke geworfen hatte. Zerknittert lag es am Boden, zusammen mit ihren Plänen und ihrer Hoffnung. Es passte ihr nicht so richtig. Schien viel zu eng, unbequem.

Und es war kein Superheldenkostüm, welches seinem Träger allein durch sein Überstreifen zu Superkräften verhalf. Ganz im Gegenteil. Es war so dünn, dass jeder Angriff direkt zu ihr hindurch drang und eine heftige Verletzung hinterließ. Weiterlesen „28“

27

Es war einfach eine Lüge.

„Natürlich will ich gesund werden.“ Gelogen.

„Natürlich will ich mich nicht mehr verletzen.“ Gelogen.

Zumindest empfand Schwarz das so. Aber sie wurde ja nicht gefragt. Nein, die anderen hatten ihr diese Sätze auferlegt, waren sogar einigermaßen überzeugt davon. Dass sie dabei Schwarz‘ Todesurteil unterschrieben, war denen doch vollkommen egal. Weiterlesen „27“

26

Sie war gefangen in einem schmalen Spalt zwischen den Welten. Unsichtbar für die Anderen, die sie als Teil ihrer eigenen Welt sahen, blind für die feinen Unterschiede, die ihr wie eine massive, gläserne Wand erschien.

Schon ewig wanderte sie hier umher, auf grauen Pfaden unter einem grauen Himmel. Auf der einen Seite bunter Trubel, den die Anderen wohl „das Leben“ nannten, auf der anderen die immer dunkler werdende Schwärze, die sie als vertraute, dunkel Höhle kannte. Beides zog sie immer wieder in ihren Bann, aber nirgends fand sie einen Durchschlupf, um das Grau zu verlassen. Immer wieder stand sie fasziniert an einem der Ränder und starrte in diese fremden Welten, diese fremden Leben. Weiterlesen „26“

25

Ihre Gedanken waren wie ein kosmischer Nebel. Riesig groß und nahezu endlos sah der Nebel aus jeder Richtung etwas anders aus. Mal war er dichter, mal wie ein leichter Dunst, und schillerte in den unterschiedlichsten Farben. Alles war in Bewegung, formte sich stets neu und vermischte sich. Konturen bildeten sich heraus und wurden zu unzähligen Sternen, die hell und flammend alles um sie herum erleuchteten und wärmten.

Die dunkle Materie, die sich im Schatten zwischen dem Nebel verbarg, war anders. Weiterlesen „25“

24

Vielleicht hatte sie es geahnt. Mit an Irrsinn grenzender Begeisterung war sie einfach drauf los gestürmt, wohl wissend, dass geradeaus am Horizont ein Abgrund lauern würde. Ungebremst war sie darauf zu gerannt, immer hoffend, dass ihr Weg vorher eine Kurve nahm und sie auf festem Boden bleiben würde.

Aber dann merkte sie, wie sie auf dem immer unwirtlicher werdenden Untergrund stolperte und keine Kurve vor ihr lag. Langsamer werden, die Richtung wechseln war nicht möglich, und so hatte sie sich selbst zugesehen, wie sie über den Horizont fiel.

Sie hielt sich nur noch mit den Fingerspitzen an der Kante über dem dunklen Abgrund fest und wenn sie nach unten blickte, war da nur Schwärze. Sie hatte keine Ahnung, wie tief sie fallen würde, wenn sie los ließ. Vielleicht waren ihre Zehenspitzen nur wenige Zentimeter vom Boden entfernt, oder aber sie brach sich beim Sturz in die Tiefe alle Knochen, falls sie überhaupt überlebte.

Ihr Herz hämmerte vom Dauersprint, ihre Gedanken waren immer noch unterwegs auf dem Weg, den es nicht mehr gab. Mit Mühe kämpfte sie die Tränen der Verzweiflung nieder, da sie sonst die Hände vors Gesicht geschlagen und losgelassen hätte. Trotz dem andauernden Wissen um diesen Abgrund hatte sie nie darüber nachgedacht, was passieren würde, falls sie abrutschte. Ihre Kraft reichte gerade so aus, um sich festzuhalten und darüber nachzudenken, ob loslassen oder um Hilfe schreien die bessere Lösung wäre. Die Schwärze des Abgrunds war verlockend, sie stellte sich vor, wie sie sie auffing und ins vertraute Dunkel davon trug. Lange würde sie die Tränen nicht mehr zurückhalten können…

08.12.2016

23

Gestern war sie in einem schlechten Schwarzweißfilm gefangen gewesen. Viel zu dunkel, grobkörnig. Der Nieselregen lief ihr in den Nacken und ihren Rücken herunter, der schmale Pfad den schroffen Berg hinauf nahm kein Ende. Links und rechts wechselten sich Dornenbüsche mit tiefen Abhängen ab, in denen es nur Schwärze gab.
Mühsam setzte sie immer einen Fuß vor den anderen, weil der Weg zu schmal war, als dass sie hätte umkehren können. Der Wind fauchte ihr unablässig und eiskalt ins Gesicht, brachte sie ins straucheln. Ihr war schwindlig vor Kälte und Erschöpfung, sie bekam kaum noch Luft.

Heute war alles bunt, hell und hochauflösend. Die Sonne schien ihr ins Gesicht und wärmte sie angenehm, der leichte Weg vor ihr führte sie einen sanften Hügel hinunter. Die endlos erscheinenden grünen Wiesen waren voller Blumen, Insekten summten emsig umher.

Leichtfüßig setzte sie einen Schritt vor den anderen und freute sich auf die Landschaften, die sie in weiter Ferne erwarteten. Eine sanfte Briese wehte den Geruch von Natur und Meer und Freiheit zu ihr herüber, sie war trunken vom Leben. In tiefen Atemzügen sog sie all das Neue in sich auf.

Ob der nächste Tag Farbe haben würde, wusste sie nie.

08.10.2016