Gerade ist 2003. Und 2006. Und alles dazwischen, bis 2009, weil ich alte Tagebücher gelesen habe und die Gefühle, die Leere, die Zerrissenheit und die Verzweiflung so fühle, als wären nicht Jahre vergangen, sondern Minuten. Maximal.
Ich weiß, dass es nichts bringt, mich darin zu verlieren, weil ich nicht finden werde, was ich schon damals verlor.
Und doch ist da so viel, was mich anzieht, so dass ich mich in einem schwarzen Strudel wiederfinde, der mich zu ersticken droht. Ich dachte, ich wäre damit durch. Aber es ist nur ein Pflaster drauf, und ich habe es gerade abgerissen. Es blutet.
Schlagwort: Dunkel
Zwietracht

„Ach, du bist ja knuffig. Du dachtest echt, DU hättest die Kontrolle?“ sagt sie zu mir, und lächelt mich dabei milde an. Nicht herablassend, eher so, wie man ein naives Kind anlächelt, dem man nun etwas erklären muss.
„Ja, das dachte ich wirklich.“ antworte ich, auch wenn ein Teil von mir schon seit einer Weile ahnt, dass es nicht so ist und vielleicht auch nie so war. „Und ich brauche dieses Gefühl doch! Ich habe doch nicht umsonst damit angefangen!“ schiebe ich hinterher.
„Ganz ruhig„, sagt sie zu mir und legt ihre Hand auf meine Schulter. „Ich will dir das Gefühl ja auch nicht wegnehmen, sondern nur die Aufgabe an sich.“
Ich bin verwirrt, und sage das auch.
„Weißt du„, beginnt sie, und sieht sich dabei um, ob auch niemand in der Nähe ist, der mithören könnte. „Das Gefühl kannst du gern behalten. Sollst du sogar, ist ja deins. Aber das ständige Aufpassen, die Kontrolle selbst, die habe ich schon vor langer Zeit übernommen. Und es läuft doch super, oder findest du nicht?“ fragt sie mich.
Und ja, da muss ich ihr recht geben. Ich muss schon seit einer Weile nicht mehr überlegen, sondern es ist einfach so. Die Kontrolle ist einfach da, ohne das ich sie einschalten müsste. Ich nicke.
„Siehst du? Und deswegen ist es doch gut, dass ich da bin, findest du nicht auch?“ Es ist eine rhetorische Frage, und sie wartet meine Antwort nicht ab. „Ich passe auf, dass du keinen Blödsinn machst und belohne dich auch noch, indem ich dir dein Gefühl lasse!“
„Aber jetzt… Ich habe Hunger!“ wage ich zu sagen. Das hätte ich wohl nicht tun sollen, denn plötzlich wird sie zur Furie und schreit mich an.
„Ja und? Ist das jetzt mein Problem, oder was? Du wolltest es doch genau so haben, und jetzt heulst du rum? Schau dich an! Endlich mal keine Rolle über der Hose, du siehst deine Rippen und deine ach so geliebten Schlüsselbeine! Und jetzt willst du FETT werden, weil dein Körper meint, dir Vorschriften machen zu können? Dann mach doch! Ignorier mich halt, wenn du das für Richtig hältst!“
Etwas fassungslos stehe ich da und starre auf meine Füße. Murmle so etwas wie eine Entschuldigung und hoffe, dass sie nicht zu sauer ist.
„Hey, komm her„, sagt sie zu meiner Verwunderung, und nimmt mich in den Arm. „Keine Angst, ich gehe nicht weg. Ich bleibe.“
Mein Magen knurrt. Ich bin etwas verlegen deswegen.
„Warte noch ein halbes Stündchen, dann darfst du einen Kaffee trinken.“ murmelt sie mir ins Ohr. Ich bin dankbar und weiß, dass sie Recht hat. Ich will mich doch nur schön finden und so zerbrechlich fühlen, wie ich Innen drin bin.
Ungesagt
Vielleicht ist es wenig erwachsen, Schatz einen Brief zu schreiben, wenn so vieles ungesagt im Schweigen endet. Weil ich nicht weiß, wie ich die dunkle Leere in meinen Innern verbalisieren soll, ohne dass es dauerhafte Narben auf der Haut hinterlässt, die mich daran erinnern könnten, dass da noch Leben ist, irgendwo.
So sind ein paar der Worte, die mir seit Wochen im Hals stecken, jetzt auf Papier und haben doch den Weg nach draußen gefunden.
Und vielleicht ist es wenig erwachsen, zu sagen, übernimm du die Verantwortung, denn ich will sie nicht. Sag du, was zu tun ist, bevor ich Blödsinn mache.
Aber so ist es nun. Er kennt einige Kopien der Worte, die in meinem Kopf und meinem Hals und meinem Innern feststecken und sich mit Widerhaken tief in mich hineingraben. Die dort wüten und schwelen und sich durch mich hindurchfressen, noch mehr Platz für Leere schaffen.
Und er trägt mich ein Stück.
Windungen
Manchmal bestimmte der Dämon ihr Leben. Er war es, der ihre Gedanken lenkte, ihre Gefühle verschlang und ihr Leben lebte, während sie sich verkroch und hoffte, dass es bald vorbei war. Düsternis umgab ihn, das Licht zog sich scheu in den Schatten zurück. Er durchsetzte sie mit einer solchen Gleichgültigkeit, dass auch die Kälte nicht mehr schmerzte, sondern bloß noch war.
Wenn er langsam verblassend verschwand, empfand sie neben Erleichterung doch auch immer so etwas wie Sehnsucht, die niemand verstand – am wenigsten sie selbst. Bei jeder seiner Heimsuchungen nahm er einen Teil von ihr mit und ließ Dunkelheit zurück. Vielleicht war es diese nun einsame Dunkelheit, die sich vor dem Licht fürchtete und der Wärme misstraute, die sich den Dämon zurückwünschte, weil er manches so viel leichter machte mit der Schwere, unter der er alles begrub. Die ihn umwarb und bezirzte, doch noch einmal zurückzukommen und sie in seine erbarmungslose, eiserne und doch sichere Umarmung zu nehmen.
Ein Tanz mit dem Teufel. Ein Tanz, der schnell in einer neuerlichen Geiselnahme enden konnte. Ein Tanz, den sie nur vermeintlich beherrschte und der ihr Angst machte, weil sie ihn nicht verstand, sondern nur fühlte.
Etikett
An der Frage, ob es tatsächlich heller wird oder ich mich nur an die Dunkelheit gewöhne, beiße ich mir dieser Tage die Zähne aus.
Schatz fragt heute, ob es mir besser geht. Ich zucke zurück wie eine Schnecke, zurück in mein Häuschen, und frage mich, woran er das fest macht.
Ich wüsste so gerne, in welche Kategorie mein Zustand fällt. Denn ich bin einfach nur ratlos, wenn ich in mich hinein schaue…
Schwarzer Frühling
Das Rosa der Kirschblüten, der Duft des Marillenbaums, die Sonnenstrahlen. All das versickert auf dem Weg in mein Inneres unwiederbringlich, bevor es mich wirklich erreicht.
In meinem Kopf laufen die immer gleichen Gedanken in Endlosschleife, ohne dass ich einer Lösung näher käme. Nichts davon scheint Sinn zu ergeben, versuche ich, es aufzuschreiben. Nur das Stell dich nicht so an! schreit mir ins Gesicht.
Selbstmitleid kann ich.