13

Sie war einfach losgelaufen. Hatte sich auf die Suche gemacht, mit unbekanntem Ziel. Nein, eigentlich wusste sie genau, was sie suchte, aber eben nicht, wo sie es finden konnte. So lief sie immer weiter, getrieben durch die Hoffnung, irgendwann irgendwo anzukommen.

Regen begleitete sie seit geraumer Zeit, durchnässte ihre Kleidung und lief ihren Körper hinab. Es war ihr egal, finden, ankommen war das erklärte Ziel. Kalter Wind blies ihr ins Gesicht, aber sie lief einfach weiter. Für Weggefährten hatte sie keine Augen, keine Zeit, sie hielten sie nur auf. Wer ihr folgte, den verjagte sie nicht, aber sie nahm es auch niemandem übel, wenn er schließlich einen anderen Weg einschlug als sie.

Irgendwann war sie so schnell unterwegs, dass die Landschaft zu einem verwischten Streifen in Grau verschwamm, der jede Landschaft einheitlich trostlos aussehen ließ. Sie war so weit entfernt von ihrem Ausgangspunkt, wie es nur irgendwie ging. Suchte und suchte immer weiter, und übersah dabei, dass sie es längst gefunden hätte, wäre sie nie losgelaufen.

23.05.2015

12

Das System war außer Kontrolle – aus den Fugen geraten, kippte in eine gefährliche Richtung. Schwarz brüllte, schrie und tobte, ohne dass einer der anderen etwas dagegen tun konnte. Gelb hielt sich sowieso aus allem raus und saß mit baumelnden Füßen und einem Jojo am Rande der Szenerie. Grün hatte aufgegeben und stand nur stumm und ein wenig ratlos in der Ecke, weil Schwarz auf niemanden hören wollte. Weiterlesen „12“

11

Heute war mal wieder so ein Tag, an dem sie sich fragte, wer sie eigentlich war. Sie hasste diese Situationen. Sie war allein, in einer fremden Stadt, und fühlte sich gleichzeitig so frei und so verloren. Weit weg von Zuhause, weit weg von sich selbst.
Wer war diese Person, die sie beim Lunch beobachtete und zwanghaft versuchte, Smalltalk zu halten, um nicht zu seltsam zu erscheinen? Das konnte doch unmöglich sie selbst sein. Sie selbst, die sich am liebsten den ganzen Tag im Zimmer verkrochen hätte und hoffte, dass sie bald wieder heim fliegen konnte. Dass sie später nicht gefragt wurde, was sie vom Seminar mitgenommen und sich danach in der Stadt alles angeschaut hat. Weil sie es nur tat, da sie wusste, dass sie fragen würden, und sie etwas antworten musste.
Wo hatte sie sich auf dem Weg hierher nur verloren? Und was sollte sie mit derjenigen anfangen, die sie gerade zu sein schien, aber doch eigentlich gar nicht war…

21.04.2015

4

Ein ganz normaler Tag. Auf einer grünen, frühlingsblühenden Wiese begegnet sie Menschen, Fremden und nicht so fremden, die sie mit blinden Augen ansehen. Manche gehen vorbei, manche verweilen einen Moment, doch keiner kann sehen. Sehen, was sie sieht, wenn sie ihre Augen schließt und ein normal Tag zum Untier wird.

Es hat zehn Beine. Mindestens. Und überall Stacheln und Zähne, allesamt scharf und gefährlich. So stellt sie es sich vor.

Wenn es will, kann es sich leise und unbemerkt anschleichen, sich zwischen ihren Gedanken verstecken. Weiterlesen „4“

3

Eigentlich wollte sie Tagebuch schreiben. Sie hatte dich den Stift, den sie so mochte, schon zurecht gelegt und ihr Tagebuch aus dem Versteck unter dem Bett hervorgeholt. Doch nun saß sie hier, und keiner der Gedanken in ihrem Kopf fand den Weg aufs weiße Papier, irgendwo auf dem Weg zwischen Kopf und Stift versickerten sie einfach.
Dabei wollte sie so viel loswerden. So viel hatte sich angesammelt in ihrem Kopf, so viele Gedanken riefen gleichzeitig nach ihrer Aufmerksamkeit, so dass sie keinem einzelnen genug davon widmen konnte. Durchs Schreiben, dachte sie, könnte sie etwas Struktur in das Chaos bringen, das ihr keine Ruhe mehr ließ.
Doch wie sollte sie einen Anfang finden? Sie konnte nicht, und die Tinte ihres Stifts hinterließ nur einen langsam immer großer werdenden Punkt auf dem bisher makellosen weißen Papier.
Ihr leerer Blick fand keinen Halt in der Welt. Sie spürte, wie eine einzelne Träne ihre Wange herunter lief und auf das Blatt vor ihr fiel. Auf das rote Papier, wo die Gedanken aus ihrem Kopf langsam aus ihrem Arm sickerten. Sie lächelte.

02.2015

2

Sie war verzweifelt, hatte Angst und schrie. Schrie um ihr Leben, so laut sie konnte, bis sie fast heiser war. Doch niemand half ihr, weil niemand sie hörte. Sie wusste, dass sie verloren war, wenn niemand kam und ihr die Hand reichte, sie festhielt, ihr Halt gab und sie endlich befreite, aber die Anderen gingen lächelnd vorbei, ohne sie auch nur wahrzunehmen. Sie brüllte und tobte, versuchte nach Kräften, sich selbst zu helfen, aber sie scheiterte. Immer wieder. Ohne es zu wissen drückten die Anderen sie zurück in ihr Gefängnis, traten ihr auf die Finger, wenn sie es geschafft hatte, den Rand zu erklimmen, schubsten sie zurück, wenn sie es ganz herausgeschafft hatte und traten drohend nach ihr, wenn sie einen neuen Versuch unternahm. So hatte sie aufgegeben, eines Tages, und weinte nur noch leise.

Manchmal, wenn es nicht mehr zu ertragen war, schrie sie wieder, die Hoffnung nicht aufgeben wollend, doch irgendwann Rettung zu finden, aber selbst wenn die Anderen sie leise hörten, glaubten sie nur der Stimme, die ihnen die angebliche Ursache erklärte. Sie glaubten blind, hinterfragten nicht, und sie wusste, dass dies eines Tages ihr Tod sein würde. Ihrer, ihrer Stimme, ihres Gefängnisses. Meiner. Denn ohne Seele kann ich nicht leben.