46

Ein Flackern. Sie fand kein besseres Wort dafür, auch wenn es nur unzureichend beschrieb, was sie empfand.
Mal hell, mal dunkel, mal schnell, mal langsam. Und in einer Intensität, die sie schier verrückt machte.
Hell. Warm. Sie sah ihre Umgebung, das Grün, das Blau, einfach alles. Sie wurde fast geblendet, war aber auch euphorisiert und konnte gar nicht anders, als ihren Blick auf all das Schöne um sie herum zu richten. Intensiv, war die beste Beschreibung, die ihr dazu einfiel.
Dunkel. Kalt. Schwärze um sie herum, nur die entfernten Feuer erhellten den Horizont und zogen ihren Blick auf sich. Ihr Blick richtete sich automatisch nach Innen, auch wenn sie dort nur die eigene Dunkelheit mit fernen und nahen Feuern sah. Intensiv, wie die Helligkeit, aber durch die erzwungene Isolation noch so viel bedrohlicher.
Hell. Dunkel.
Ein ewiges und nervenzerreissendes Wechselspiel, dem sie sich hilflos ausgeliefert fühlte. Unberechenbar schien es nach seinen eigenen Regeln zu spielen – sie war nur Zuschauerin.
Und so sehr sie die Helligkeit genoss – genießen wollte – , so sehr ängstigte sie die Dunkelheit und die Erwartung derselben, so lange es hell war.
Ein Flackern. Und sie wollte, dass es endet.

26

Sie war gefangen in einem schmalen Spalt zwischen den Welten. Unsichtbar für die Anderen, die sie als Teil ihrer eigenen Welt sahen, blind für die feinen Unterschiede, die ihr wie eine massive, gläserne Wand erschien.

Schon ewig wanderte sie hier umher, auf grauen Pfaden unter einem grauen Himmel. Auf der einen Seite bunter Trubel, den die Anderen wohl „das Leben“ nannten, auf der anderen die immer dunkler werdende Schwärze, die sie als vertraute, dunkel Höhle kannte. Beides zog sie immer wieder in ihren Bann, aber nirgends fand sie einen Durchschlupf, um das Grau zu verlassen. Immer wieder stand sie fasziniert an einem der Ränder und starrte in diese fremden Welten, diese fremden Leben. Weiterlesen „26“

23

Gestern war sie in einem schlechten Schwarzweißfilm gefangen gewesen. Viel zu dunkel, grobkörnig. Der Nieselregen lief ihr in den Nacken und ihren Rücken herunter, der schmale Pfad den schroffen Berg hinauf nahm kein Ende. Links und rechts wechselten sich Dornenbüsche mit tiefen Abhängen ab, in denen es nur Schwärze gab.
Mühsam setzte sie immer einen Fuß vor den anderen, weil der Weg zu schmal war, als dass sie hätte umkehren können. Der Wind fauchte ihr unablässig und eiskalt ins Gesicht, brachte sie ins straucheln. Ihr war schwindlig vor Kälte und Erschöpfung, sie bekam kaum noch Luft.

Heute war alles bunt, hell und hochauflösend. Die Sonne schien ihr ins Gesicht und wärmte sie angenehm, der leichte Weg vor ihr führte sie einen sanften Hügel hinunter. Die endlos erscheinenden grünen Wiesen waren voller Blumen, Insekten summten emsig umher.

Leichtfüßig setzte sie einen Schritt vor den anderen und freute sich auf die Landschaften, die sie in weiter Ferne erwarteten. Eine sanfte Briese wehte den Geruch von Natur und Meer und Freiheit zu ihr herüber, sie war trunken vom Leben. In tiefen Atemzügen sog sie all das Neue in sich auf.

Ob der nächste Tag Farbe haben würde, wusste sie nie.

08.10.2016