Grün schaukelt mit trüben Augen auf der Stange in ihrem winzigen Käfig, in dem sie seit einiger Zeit sitzt. Irgendwer hat ihn abgeschlossen, aber es kümmert sie nicht. Sie schaukelt. Vor. Zurück. Vor. Zurück.
Gelb und Orange teilen sich einen kleinen Stuhl in der Ecke. Manchmal, wenn sie gebraucht werden, steht einer von ihnen lustlos auf und versucht, seinen Job zu machen. Egal, wie viel oder wenig Energie sie investieren, es scheint immer zu wenig und ist immer mehr, als eigentlich zur Verfügung steht. Beide sind froh, sobald sie wieder zurück und sich ausruhen dürfen, so schwer das auf dem unbquemen, harten Stuhl auch fällt.
Schwarz liegt am Boden. Dort liegt sie schon eine ganze Weile, und beobachtet die Staubflusen, die sich dort sammeln. Nicht, weil es sie interessieren würde, sondern weil ihre Augen ab und zu offen sind, und es halt staubt.
Rot liegt daneben. Dann und wann fällt ihr wieder ein, dass die Katastrophe noch nicht vorbei ist und Wut ein angemessenes Gefühl wäre. Dann setzt sie sich auf und schreit aus Leibeskräften, nur um festzstellen, dass diese nicht nur sehr begrenzt sind, sondern auch niemand zuhört. So wendet auch sie sich wieder den Flusen zu und passt auf, dass Schwarz sie nicht einatmet.
Grau spielt notgedrungen den einzigen Gedankenfilter. Verschluckt die Hälfte, nur um sie zu einem anderen Zeitpunkt zerhackt wieder auszuspucken. In den Rest macht er immer wieder Knoten und Schlaufen, Gefühle behält er gleich ganz für sich und lässt keines auch nur in die Nähe von mir.
Schlagwort: EgoState Rot
Übersprungshandlung
Es ist Samstag, Schatz und ich fahren einkaufen. Und auf dem Rückweg durch unseren (sehr kleinen) Ort fahren wir an dem Arzt vorbei, der mich im Mai nach der Katastrophe mit einem selbstgefälligen und sehr anmaßenden Vortrag fast hat Zusammenbrechen lassen.
Bisher hatte ich weder den Anlass, noch den Mut, mit meinem eigentlichen Hausarzt darüber zu sprechen, aber ich dachte, zumindest ein Teil der Wur und Fassungslosigkeit von damals wäre verflogen. Dass dem nicht so ist, lerne ich in diesem Moment.
Gesichtserkennung
Zuerst denke ich „der sieht aus wie… und starre ihn ziemlich unverholen an (kennt ihr das: wenn man jemanden das erste Mal außerhalb des gewohnten Zusammenhangs und dann noch in anderer Kleidung sieht, muss man erstmal überlegen, ob und woher man das Gesicht kennt). Als er den Kopf hebt und in unser Auto schaut, ist jeder Zweifel ausgeschlossen, und ich kann nicht aufhören, ihn weiter anzusehen. Und ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, erschrocken/verwirrt/wütend zu werden, als dass ich auf die Idee kommen würde, ihn zu grüßen. Ich bin ziemlich sicher, dass er uns erkennt, und er grüßt ebenfalls nicht.
Es macht mich rasend. Alle Gefühle von damals sind in nahezu gleicher Intensität wieder da, und ich möchte aussteigen und ihn anschreien, schütteln, ohrfeigen. Natürlich tue ich nichts dergleichen. Wir fahren vorbei und nach Hause. Packen unsere Einkäufe weg, machen etwas Haushalt.
Wut
Und ich nutze jede Gelegenheit, um kratzbürstig zu sein. Lasse meine Wut an Schatz aus, weil sonst niemand da ist, dem ich die Augen auskratzen kann, und fühle mich schlecht dabei. Erst nach einer Stunde, oder auch zwei, kann ich ihm sagen, was los ist und mich entschuldigen. Er umarmt mich. Ich möchte nicht mehr wütend sein, aber abstellen kann ich es auch nicht.
Ich frage mich, ob er mich wirklich erkannt hat. Ob er mit Absicht nicht gegrüßt hat. Ob er gesehen hat, wie viel ich abgenommen habe und sich Gedanken darüber macht. Ob er mit seinem Vater, dem zweiten Arschloch Vertretungsarzt darüber redet. Dabei möchte ich nicht darüber nachdenken, weil er es nicht verdient. Er sollte mir egal sein, aber genau da liegt ja eines meiner Kernprobleme. Niemandes Meinung über mich ist mir egal.
21
Rot, all ihr Gedanken waren nur noch rot. Es war ein bedrohliches und unheimliches Rot, aber gleichzeitig so warm, so vertraut. Seit Wochen stellte sie sich vor, wie es sein würde, jetzt zur Klinge zu greifen und es zu tun. Nach so langer Zeit wieder den Schmerz zu spüren und ihr Blut zu sehen. Es machte sie wahnsinnig vor Verlangen, und doch kämpfte sie dagegen an. Ein Stückchen Vernunft flüsterte ihr ins Ohr, dass sie doch im nächsten Sommer wieder T-Shirts tragen wollte, ein Stückchen Liebe schrie sie an, wie verletzt er sein würde, wenn sie es täte. Aber er sieht nicht die vielen einzelnen Tage, an denen ich es nicht getan habe! schrie sie zurück.
Sie wollte doch nur eines: wieder klar denken können, ohne dass der erste und letzte Gedanke eines Tages der an die Klinge war. Sie wollte nicht mehr kontrolliert werden vom Rot, das einfach nicht müde wurde, ihr Bilder in den Kopf zu setzen. Alles, was sie wollte, war Kontrolle. Über sich, über ihre Gedanken. Auch wenn es hieß, Rot für einen Moment das alles zu überlassen. Schmerz. Wärme. Kontrolle. Nur darum ging es. Immer.
01.11.2015