Löcher

Geh weg, lass mich in Ruhe, nerv mich nicht, sprich mich bloß nicht an.

Nicht anfassen, nicht angucken, nicht neben mir sitzen, nicht im selben Raum sein.

Heute ertrage ich keine Nähe. Ich will nicht umarmt, geküsst oder berührt werden. Ich will keine Gesellschaft, nichtmal von Miezen, alles hat Potential, mich innerlich zur Weißglut zu bringen.

Ein Sonnenuntergang, der nach Sommerregen duftet, ein Wald, der nach Frühling klingt.

Ein verlorener Samstag, der dunkel beginnt und dunkel endet.

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Kalt! war die erste Empfindung, die ihr Bewusstsein drang, als sie erwachte. Nur langsam, denn der Schlaf entließ sie nur zögerlich aus seiner Welt in die ihre. Bewegungslos wartete sie darauf, ob sie wieder zurück in seine warme Umarmung durfte, aber er war fort, und sie fror. Sie lag auf dem nackten Erdboden, ohne Decke oder Kissen. Vorsichtig richtete sie sich in eine halb sitzende Position auf, und spürte neben jedem einzelnen Knochen in ihrem Körper auch die raue, feuchte Holzwand, an der ihr Rücken nun lehnte.
Ihr Gefängnis.
Der Verschlag war winzig, dunkel, und hatte nur ein kleines Fenster, was eher den Namen eines Gucklochs in die Welt da draußen verdiente. Und wieder ein neuer Tag im Paradies dachte sie sarkastisch. Sie versuchte, in sich hinein zu fühlen, in welcher Stimmung sie heute war. Wollte sie kämpfen? Es nur aushalten? Oder wimmernd in eine Ecke kriechen und auf die Nacht und den (meist nicht erholsamen) Schlaf warten?
Heute war sie fürs Kämpfen. Der Funke, den sie fand, war zwar nur winzig, aber dann kämpfte sie eben langsam und mit kleinen einhundert Prozent.
Also stand sie auf und suchte die Stelle, an der sie gestern schon gearbeitet hatte. Wieder einmal fand sie sie nicht, also startete sie von Neuem: mit ihren bloßen Händen kratzte sie so lange an einem der Bretter des Gefängnisses, bis ein Stück sich löste, das sie als Werkzeug verwenden konnte, um vielleicht eines der Bretter lockern zu können. Es war mühsam und anstrengend, und mehr als einmal fing sie sich einen schmerzhaften Splitter in den Fingern ein. Die modrige Luft machte ihr das Atmen bei der Anstrengung schwer.
Am Abend hatte sie nicht viel erreicht. Eines der Bretter war lose, und sie hatte sogar einen Nagel entfernen können, aber dahinter war ein weiteres Brett zum Vorschein gekommen. Sie war müde und erschöpft, und irgendwann, als das Licht schwand, beschloss sie, am nächsten Tag an dieser Stelle weiterzumachen. Sie sehnte sich nach Schlaf, als sie sich am Boden zusammenrollte und die Augen schloss.
Ein Geräusch weckte sie auf. Klebriger Schlaf verlangsamte ihre Gedanken, als ihr Bewusstsein an die Oberfläche schwappte. Es war Schock, als sie die Augen öffnete und es sah, als sie sich an das schwache Licht gewöhnt hatte. Den Hammer in der einen, den Nagel in der anderen Hand, die das gelöste Brett wieder an seinem Platz befestigten. Ihre Hände.

Pause

Ein anstrengender Tag nach einer anstrengenden Nacht geht zuende. Schatz und ich schauen “unsere Serie“ und ich trinke Federweißen, als eine der Miezen ums Eck kommt und Hunger hat. Schatz steht pflichtbewusst auf, ich drücke auf Pause.

Mein Kopf drückt auf Start: ich sehe mich aufstehen und zum Schrank mit dem Alkohol gehen. Schenke mir einen großen Schluck ein, den ich exe. Schatz fragt, was ich da tue, ob es mir gut geht. Langsam drehe ich mich um, mit Tränen in den Augen und der Klinge im Hinterkopf. “Nein“, sage ich, breche zusammen und heule. Sage, dass ich nicht mehr jeden Tag kämpfen will, dass ich keine Lust mehr habe. Einfach will, dass es aufhört.

Schatz kommt zum Sofa zurück, ich nippe an meinem Glas. Drücke auf Play, und mein Kopf auf Pause.

30

Lass mich (nicht) allein. Geh (nicht), geh (nicht) weg und lass mich bloß (nicht) in Ruhe. Ich will meine Rasierklinge (nicht), ich will mich (nicht) tief und oft schneiden.

Ich will (nicht) skillen, ich will (nicht) schneiden, ich stehe mir in meinem Kopf gegenüber und brülle mich an, es (nicht) zu tun. Ich will (nicht) schwach sein, ich will (nicht) zusammenbrechen, ich will (nicht) mein Blut sehen.

27.01.2018

10

Stille Begleiter
Weggefährten

Gebändigte Dämonen
Wächter der Vergangenheit

Dunkle Schatten
Flügelwesen

Wann immer ich
Durch die Mondnacht schreite

17.04.2015

4

Ein ganz normaler Tag. Auf einer grünen, frühlingsblühenden Wiese begegnet sie Menschen, Fremden und nicht so fremden, die sie mit blinden Augen ansehen. Manche gehen vorbei, manche verweilen einen Moment, doch keiner kann sehen. Sehen, was sie sieht, wenn sie ihre Augen schließt und ein normal Tag zum Untier wird.

Es hat zehn Beine. Mindestens. Und überall Stacheln und Zähne, allesamt scharf und gefährlich. So stellt sie es sich vor.

Wenn es will, kann es sich leise und unbemerkt anschleichen, sich zwischen ihren Gedanken verstecken. Weiterlesen „4“