14

Wo soll ich nur anfangen? dachte sie und durchwühlte alle Schränke und Schubladen. Doch nirgendwo war es zu finden, also konnte es nur irgendwo draußen verloren gegangen sein. Seufzend zog sie ihre Schuhe und eine Jacke an und verließ das Haus.

Sie schlug blind irgendeine Richtung ein – diese hier war so gut wie jede andere, und irgendwo musste sie ja anfangen. Ihr war egal, durch welche Gegend sie gerade lief, ihr Blick war starr auf den Boden zu ihren Füßen gerichtet, um es nicht zu übersehen, sollte sie es endlich finden.

Manch einer wunderte sich und bat seine Hilfe an, aber sie war so konzentriert auf sich selbst, dass sie nichtmal die verwischten Landschaftsstreifen im Augenwinkel bemerkte. Es würde nie einen Sinn ergeben, wenn sie es nicht endlich finden würde! Aber die hörte nur den Wind in ihren Ohren immer lauter brüllen. Laut. So laut! Wie solle sie sich da bitte weiter auf die Suche konzentrieren?

Damals war alles gut gewesen, sie hatte es immer bei sich gehabt und hätte nie gedacht, es jemals zu verlieren. Sie war dumm gewesen, fahrlässig, nicht aufmerksam genug. Und jetzt war es fort und sie konnte es nirgendwo finden. Starr hielt sie den Blick auf den Boden gerichtet und verfolgte jeden ihrer eigenen einsamen Schritte. Hätte sie den Kopf auch nur um eine Winzigkeit angehoben, hätte sie bemerkt, dass eben jene Schritte einen tiefen Graben gelaufen hatten, der sie im Kreis um ihr Leben herumführte, welches sie so inständig zu finden hoffte.

Aber sie hob ihn nicht.

23.05.2015

13

Sie war einfach losgelaufen. Hatte sich auf die Suche gemacht, mit unbekanntem Ziel. Nein, eigentlich wusste sie genau, was sie suchte, aber eben nicht, wo sie es finden konnte. So lief sie immer weiter, getrieben durch die Hoffnung, irgendwann irgendwo anzukommen.

Regen begleitete sie seit geraumer Zeit, durchnässte ihre Kleidung und lief ihren Körper hinab. Es war ihr egal, finden, ankommen war das erklärte Ziel. Kalter Wind blies ihr ins Gesicht, aber sie lief einfach weiter. Für Weggefährten hatte sie keine Augen, keine Zeit, sie hielten sie nur auf. Wer ihr folgte, den verjagte sie nicht, aber sie nahm es auch niemandem übel, wenn er schließlich einen anderen Weg einschlug als sie.

Irgendwann war sie so schnell unterwegs, dass die Landschaft zu einem verwischten Streifen in Grau verschwamm, der jede Landschaft einheitlich trostlos aussehen ließ. Sie war so weit entfernt von ihrem Ausgangspunkt, wie es nur irgendwie ging. Suchte und suchte immer weiter, und übersah dabei, dass sie es längst gefunden hätte, wäre sie nie losgelaufen.

23.05.2015

5

Eine schneeweiße Fassade. Doch hier drinnen roch die Luft immer modrig und abgestanden. Sie war auf der Suche. Auf der Suche nach ihrem Namen. Jeder hatte doch einen Namen, oder etwa nicht? In einem Hauch aus Erinnerung war ihr, als hätte auch sie einen Namen gehabt. Für den sie sich herumdrehte, wenn man ihn aussprach, sei es voller Liebe oder auch voller Verachtung, sie hatte ihn stets mit Stolz getragen. Aber sie konnte ihn einfach nicht finden, er blieb verschollen. Die Zeit hatte ihn verschlungen.

16./17.03.2015