44 – Schmerz

Der Grat zwischen “ich kann nicht mehr“ und “ich will nicht mehr“ ist ein sehr, sehr schmaler, und ich balanciere darauf. Aber von oben, auf diesem Grat stehend, kann ich ein “ich könnte, wenn“ sehen, und es lässt mich fast auf der Stelle erstarren, zusammenbrechen. Fast, weil es zu sehr schmerzt, um still zu stehen, liegen zu bleiben.

Im letzten Eintrag schrieb ich – bzw. ein Teil von mir, wahrscheinlich eine Grau angefärbte Schwarz, vielleicht aber auch ein Teil Grün – , dass ich so viel von dem, was meine Thera sagt, schon zu wissen meine. Für Grau/Schwarz oder einen Teil Grün mag das stimmen; aber welcher Teil auch immer jetzt gerade mein Denken bestimmt, für den stimmt es nicht. Für den ist es eher ein “ich will es nicht wissen, weil es weh tut“. Und zwar richtig. Weil ich etwas ändern könnte, und es doch nicht schaffe. Weil es so einfach klingt, so logisch ist, und so unendlich schwer.

Hinschmeißen wäre die einfachere Lösung, aufgeben und sich auf eine der beiden Seiten recht oder links vom Grat fallen lassen. In der Ferne kein “ich könnte, wenn“ mehr sehen, sondern sich – vielleicht, vielleicht nicht – von irgendwem auffangen lassen.

Warum, verdammt, muss es so weh tun? Warum so anstrengend sein? Und warum ist es für andere selbstverständlich, während ich mich mit winzig kleinen Schritten, die mir wie ein kilometerlanger Hürdenlauf erscheinen, quäle?

24

Vielleicht hatte sie es geahnt. Mit an Irrsinn grenzender Begeisterung war sie einfach drauf los gestürmt, wohl wissend, dass geradeaus am Horizont ein Abgrund lauern würde. Ungebremst war sie darauf zu gerannt, immer hoffend, dass ihr Weg vorher eine Kurve nahm und sie auf festem Boden bleiben würde.

Aber dann merkte sie, wie sie auf dem immer unwirtlicher werdenden Untergrund stolperte und keine Kurve vor ihr lag. Langsamer werden, die Richtung wechseln war nicht möglich, und so hatte sie sich selbst zugesehen, wie sie über den Horizont fiel.

Sie hielt sich nur noch mit den Fingerspitzen an der Kante über dem dunklen Abgrund fest und wenn sie nach unten blickte, war da nur Schwärze. Sie hatte keine Ahnung, wie tief sie fallen würde, wenn sie los ließ. Vielleicht waren ihre Zehenspitzen nur wenige Zentimeter vom Boden entfernt, oder aber sie brach sich beim Sturz in die Tiefe alle Knochen, falls sie überhaupt überlebte.

Ihr Herz hämmerte vom Dauersprint, ihre Gedanken waren immer noch unterwegs auf dem Weg, den es nicht mehr gab. Mit Mühe kämpfte sie die Tränen der Verzweiflung nieder, da sie sonst die Hände vors Gesicht geschlagen und losgelassen hätte. Trotz dem andauernden Wissen um diesen Abgrund hatte sie nie darüber nachgedacht, was passieren würde, falls sie abrutschte. Ihre Kraft reichte gerade so aus, um sich festzuhalten und darüber nachzudenken, ob loslassen oder um Hilfe schreien die bessere Lösung wäre. Die Schwärze des Abgrunds war verlockend, sie stellte sich vor, wie sie sie auffing und ins vertraute Dunkel davon trug. Lange würde sie die Tränen nicht mehr zurückhalten können…

08.12.2016