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Vielleicht hatte sie es geahnt. Mit an Irrsinn grenzender Begeisterung war sie einfach drauf los gestürmt, wohl wissend, dass geradeaus am Horizont ein Abgrund lauern würde. Ungebremst war sie darauf zu gerannt, immer hoffend, dass ihr Weg vorher eine Kurve nahm und sie auf festem Boden bleiben würde.

Aber dann merkte sie, wie sie auf dem immer unwirtlicher werdenden Untergrund stolperte und keine Kurve vor ihr lag. Langsamer werden, die Richtung wechseln war nicht möglich, und so hatte sie sich selbst zugesehen, wie sie über den Horizont fiel.

Sie hielt sich nur noch mit den Fingerspitzen an der Kante über dem dunklen Abgrund fest und wenn sie nach unten blickte, war da nur Schwärze. Sie hatte keine Ahnung, wie tief sie fallen würde, wenn sie los ließ. Vielleicht waren ihre Zehenspitzen nur wenige Zentimeter vom Boden entfernt, oder aber sie brach sich beim Sturz in die Tiefe alle Knochen, falls sie überhaupt überlebte.

Ihr Herz hämmerte vom Dauersprint, ihre Gedanken waren immer noch unterwegs auf dem Weg, den es nicht mehr gab. Mit Mühe kämpfte sie die Tränen der Verzweiflung nieder, da sie sonst die Hände vors Gesicht geschlagen und losgelassen hätte. Trotz dem andauernden Wissen um diesen Abgrund hatte sie nie darüber nachgedacht, was passieren würde, falls sie abrutschte. Ihre Kraft reichte gerade so aus, um sich festzuhalten und darüber nachzudenken, ob loslassen oder um Hilfe schreien die bessere Lösung wäre. Die Schwärze des Abgrunds war verlockend, sie stellte sich vor, wie sie sie auffing und ins vertraute Dunkel davon trug. Lange würde sie die Tränen nicht mehr zurückhalten können…

08.12.2016

15

Sie fragte sich, ob es eine Entscheidung war, ob sie Einfluss nehmen konnte. Denn sie stand bereits im grauen Regen und sah, dass der Horizont noch viel dunkler war. Bedrohlicher. Fernes Donnergrollen  zeugte von dem heftigen Unwetter, was dort tobte.
Sie war auf dem besten Wege, in ein Tiefdruckgebiet zu rennen, wenn sie den Weg weiterlief, auf dem sie hergekommen war. Aber konnte sie überhaupt noch entkommen? Machte es noch Sinn, einen anderen Weg zu suchen?
Sie versuchte es. Sie bewegte sich am Rand entlang, obwohl es sie so viel Anstrengung kostete. Es wäre einfacher, dem bisherigen Weg zu folgen, mit dem Wind, der sie wie von selbst tiefer in den Sturm hinein trug, wenn sie es zuließ. Aber sie wollte nicht aufgeben, denn war sie schnell genug, konnte sie sogar kurze Sonnenstrahlen erhaschen und sich darin aufwärmen. Aber es war ein Kampf gegen Goliath, der Sturm riss ihren Atem fort und schrie ihr ins Ohr, sie solle doch einfach aufgeben. Es klang so verlockend. Nicht mehr länger den Sonnenstrahlen hinterherjagen, nicht mehr länger gegen den Wind kämpfen, sondern sich von ihm tragen lassen, auch wenn es bedeutete, immer tiefer in das Tiefdruckgebiet vorzudringen.
Regen peitschte ihr ins Gesicht. Tränen mischten sich darunter. Der Donner schien so nah.

02.08.2015

1

Sie war sich sicher, schon einmal hier gewesen zu sein. Hier sah zwar alles gleich aus, aber ein Gefühl von Vertrautheit machte sich in ihr breit. Nicht, dass sie das in irgendeiner Form beruhigt hätte…sie hatte keine Ahnung, seit wann sie sich schon in diesem verwirrenden Labyrinth von scheinbar identischen Gängen befand, die sich zwar immer wieder kreuzten und endlos lang waren, aber niemals irgendwo hinführten, aber es musste lang sein.

Sehr lang.

Zu lang.

Dunkel erinnerte sie sich an die Zeit vorher und sehnte sich danach, wieder unbeschwert leben zu können, statt in diesem Wirrwarr gefangen zu sein, das ihr langsam jede Kraft raubte, aber so sehr sie auch nach einem Ausgang suchte, sie fand keinen. Weiterlesen „1“