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Sie war sich sicher, schon einmal hier gewesen zu sein. Hier sah zwar alles gleich aus, aber ein Gefühl von Vertrautheit machte sich in ihr breit. Nicht, dass sie das in irgendeiner Form beruhigt hätte…sie hatte keine Ahnung, seit wann sie sich schon in diesem verwirrenden Labyrinth von scheinbar identischen Gängen befand, die sich zwar immer wieder kreuzten und endlos lang waren, aber niemals irgendwo hinführten, aber es musste lang sein.

Sehr lang.

Zu lang.

Dunkel erinnerte sie sich an die Zeit vorher und sehnte sich danach, wieder unbeschwert leben zu können, statt in diesem Wirrwarr gefangen zu sein, das ihr langsam jede Kraft raubte, aber so sehr sie auch nach einem Ausgang suchte, sie fand keinen. Ab und zu sah sie hoch oben Fenster, aber sie waren gerade so hoch, dass sie sie nur mit den Fingerspitzen berühren konnte. Sie hatte aufgegeben, sich Leitern oder Hocker bauen zu wollen; sie hatten nie lang genug gehalten, um eines der Fenster weit genug öffnen zu können, so dass sie entkommen konnte. Vorher brachen die Konstruktionen zusammen. Oder sie brach zusammen, welche Rolle spielte das schon. Immerhin gaben sie ihr trotzdem ein wenig Hoffnung, doch noch Rettung zu finden. Aber in der Dunkelheit packte sie oft die nackte Panik. Hinter jeder Ecke fürchtete sie Dämonen, und wenn sie nur lang genug hinsah, begann die Schwärze um sie herum sich zu bewegen und sie laut brüllend zu jagen. Dann rannte sie blindlinks die dunklen Gänge entlang, wie von Sinnen und unfähig, sich zu orientieren. Weg, nur weg! Aber ohne es zu merken, lief sie im Kreis, nahm manchmal neue Abzweigungen, aber auch dort gab es dunkelste Ecken voller Dämonen und so blieb ihr nur die Flucht und das Warten auf die ersten kalten Sonnenstrahlen, gegen die die Dämonen keinen Bestand hatten.

Oft lief sie stundenlang vor ihnen davon, bevor sie endlich erschöpft genug war, um schlafen zu können. Aber manchmal ließen sie auch einfach nicht von ihr ab – dann blieb ihr nur noch ein Ausweg, denn sie wusste genau, was ihre Dämonen wollten. Was ihre Seele wollte. Ihr Seelendämon, dem sie nicht entkommen konnte, so schnell sie auch rannte. Dann ließ sie ihn schreien. Sich heiser schreien. Sich blutig schreien. Er schrie sie blutig, weil sie selbst nicht schreien konnte. Durfte. Wollte. Aber lang schrie er nie. Hatte er erst einmal seinen Willen bekommen, verschwand er wieder und sie hatte wieder die Kraft und die Konzentration, ihn zu bändigen. Zumindest eine Zeit lang. Dann sah sie, wie die Gänge langsam verschwanden und den Blick freigaben auf das, was die anderen ihr Leben nannten. Ja, sie lebte. Noch. Scheinbar. Aber sie wusste auch, dass niemand sie verstehen würde, wenn sie von der Nacht erzählte. Ihrer Nacht. Und ihren Dämonen, die sie wieder und wieder heimsuchten. So versteckte sie ihre Geschichte. Ihr Blut. Um ihre Seele zu schützen und so zu leben, wie alle anderen. Glücklich. Ausgeglichen. Ohne zu schreien. Bis es das nächste Mal dunkel wurde. Aber das würde niemand bemerken. Denn ihr Seelendämon schrie nur nachts. Stumm. Ohrenbetäubend.

Ca. 2006

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